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Personalanhaltswerte: „Aus Leitplanken werden Leitmauern“
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) wirft der Bundesregierung vor, den wissenschaftlich ermittelten Personalbedarf in der stationären Langzeitpflege auszubremsen. Auslöser ist ein Bericht des Bundesgesundheitsministeriums, der weder eine Anhebung der Personalanhaltswerte noch eine bundesweite Mindestpersonalbesetzung vorsieht. Auch das Pflegebündnis Mittelbaden und die Pflegeexpertin Heike Jurgschat-Geer warnen: Wer Pflegebedarf kleinrechne, verschiebe ihn nur.
In der Bundestagsdrucksache 21/6180 kommt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf Basis bundesweiter, nicht repräsentativer Durchschnittswerte zu dem Ergebnis, dass derzeit weder eine Anpassung der Personalanhaltswerte noch eine Mindestpersonalbesetzung vorzunehmen sei. Begründet wird dies mit der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation, die durch fehlendes Assistenz- und Hilfspersonal gekennzeichnet sei. Die Personalanhaltswerte legen fest, in welchem Umfang Personal in Pflegeeinrichtungen als angemessen eingesetzt und refinanziert werden kann.
Aus Leitplanken werden Leitmauern
„Wenn diese Leitplanken zu eng gesetzt werden, werden sie in der Praxis zu Leitmauern. Dann verhindert das System genau die Entwicklung, die es eigentlich ermöglichen soll: mehr bedarfsgerechte Pflege, bessere Arbeitsbedingungen und eine wirksame Umsetzung des Personalbemessungsverfahrens“, erklärt Stefan Werner, Vizepräsident des DBfK, in einer ersten Reaktion auf den Bericht. Der Verband verweist auf die Heterogenität der vollstationären Langzeitpflege: Bewohnerstruktur, Demenzanteil, Palliativversorgung, Nachtbesetzung und Ausfallzeiten ließen sich nicht vollständig über enge bundesweite Anhaltswerte abbilden.
Fachkräftemangel nicht als Dauerbegründung
„Gute Pflege entsteht nicht im rechnerischen Mindestbetrieb. Wer Pflegefachpersonen gewinnen und halten will, muss Bedingungen schaffen, unter denen fachlich gute Pflege auch tatsächlich möglich ist“, so Werner. Der Fachkräftemangel dürfe nicht als Begründung dienen, notwendige Verbesserungen dauerhaft zu begrenzen. Der DBfK fordert eine Erweiterung der Personalanhaltswerte, verbunden mit fachlicher Begründung, Transparenz über die Mittelverwendung, qualifikationsgerechtem Personaleinsatz und Evaluation.
Pflegebündnis und Expertin warnen vor Bedarfsverschiebung
Auch das Pflegebündnis Mittelbaden bewertet die Linie der Bundesregierung kritisch. „Pflegebedarf verschwindet nicht, weil Personal fehlt“, sagte der Vorsitzende Peter Koch. „Wer Pflegebedarf kleinrechnet, löst kein Problem – er verschiebt es auf Pflegebedürftige, Angehörige, Einrichtungen und Mitarbeitende.“ Auch die Ausklammerung hauswirtschaftlicher Tätigkeiten aus dem Personalbedarf stellt Koch infrage, sofern keine gesicherte Finanzierung entsprechender Stellen erfolge.
Die Pflegeberaterin Heike Jurgschat-Geer ordnet den BMG-Bericht in einer Analyse auf LinkedIn ähnlich ein: Der Fokus verschiebe sich „weg von der Frage, welche Personalausstattung pflegebedürftige Menschen tatsächlich benötigen. Hin zur Frage, welche Personalausstattung unter den gegebenen finanziellen und arbeitsmarktlichen Bedingungen noch realistisch erscheint“. Die Hoffnung, die Lücke durch Digitalisierung, Prozessoptimierung oder Personalentwicklung zu kompensieren, erscheine ihr „gefährlich optimistisch“.
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