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Die Pflegebranche braucht mehr Miteinander und weniger Ellenbogenmentalität
Auf der Messe ALTENPFLEGE in Essen diskutierten am 21. April Petra Zugmann und Graciana Versteeg unter Moderation von Olga Sophie Ennulat über neue Wege in Pflege und Führung. Im Mittelpunkt standen ein alternatives Wohnkonzept im Hildes Heim an der Lahn sowie moderne Ansätze in der Ausbildung von Pflegekräften. Beide Talk-Gäste plädierten für mehr Offenheit, Gemeinschaft und ein Ende der Konkurrenz innerhalb der Branche.
Eröffnet wurde der Talk mit dem Titel „Pflege neu denken“ von Olga Sophie Ennulat, Host der New Care – New Leadership Community von Altenheim. Die Community aus dem Vincentz Network richtet sich an innovative Führungskräfte aus der Altenhilfe und versteht New Care als das Bestreben, die Pflege neu zu organisieren und New Leadership als die Möglichkeit, als Führungskraft neue Impulse zu setzen und Strukturen zu schaffen, die die Arbeitgeberattraktivität erhöhen.
Ein Wohnkonzept zwischen Zuhause und stationärer Pflege
Petra Zugmann, Wirtschaftswissenschaftlerin und Gründerin von Hildes Heim an der Lahn im hessischen Biskirchen stellte ihr Projekt vor, das im Sommer eröffnet wird. Entstanden sei das Konzept aus der persönlichen Erfahrung mit der Pflege ihrer Eltern. Auf einem geerbten Anwesen in Hessen, das den Namen ihrer Mutter trägt, entstehen barrierefreie Wohnungen, in denen pflegebedürftige Menschen „Autonomie und die Selbstbestimmtheit“ behalten und fest in die Gemeinschaft eingebunden werden sollen.
Das Konzept setze bewusst auf Gemeinschaft und Inklusion. Mit der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg werde kooperiert, Menschen mit Behinderung erhalten Praktikums- und Jobs in der Alltagsbegleitung. Bewohnerinnen und Bewohner werden bei Gartenarbeit oder Kochen einbezogen, ein Café im Hof soll zur Begegnungsstätte für das Quartier werden. Pflege und Betreuung übernehmen ambulante Dienste vor Ort, ergänzt durch Kooperationsverträge mit stationären Einrichtungen. „Wir schaffen den Rahmen für ein wunderschönes Miteinander“, so Zugmann. Gleichzeitig erhofft sie sich die Revitalisierung des Dorfes. Gemeinsam mit der Universität Gießen, dem Roten Kreuz und dem Fraunhofer-Institut werde ein skalierbares Modell entwickelt, das zunächst in Hessen adaptiert und perspektivisch deutschlandweit ausgerollt werden soll.
Ausbildung: Menschen statt Noten in den Mittelpunkt stellen
Graciana Versteeg, seit drei Jahren Ausbildungsbeauftragte beim Pflegewohnzentrum Kaulsdorf-Nord gGmbH in Berlin, berichtete über veränderte Strukturen in der Nachwuchsgewinnung. Seit 2023 lege das Unternehmen „gar nicht mehr so großen Wert auf Noten“, sondern auf den Menschen. Statt eines klassischen Bewerbungsgesprächs werde ein „Kennenlerngespräch“ geführt. Aufklärungsarbeit an Schulen, Berufsmessen, Betriebsbesuche und Angebote wie Boys‘ und Girls‘ Day gehören zum Repertoire.
Eingerichtet wurden zudem ein eigenes Ausbildungszentrum mit Lernräumen, PC-Arbeitsplätzen, Fachbibliothek und Schulungsräumen sowie freigestellte Praxisanleitende.Versteeg betonte, dass jüngere Generationen „keine Lust mehr auf diese starre Hierarchie“ hätten. Mitentscheiden und Partizipation seien zentrale Wünsche, die im Arbeitsalltag stärker verankert werden sollten. Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung sehe sie weniger in der Pflege selbst als in Bereichen wie Küche, Hauswirtschaft und vor allem Verwaltung.
Forderung nach mehr Offenheit und weniger Konkurrenz
Beide Gäste plädierten für ein neues Miteinander in der Branche. Zugmann sagte, in der Pflegebranche dürfe man sich nicht „als Konkurrent sehen“, sondern müsse „Hand in Hand zusammenarbeiten“. Ihr Wunsch sei, dass im Alter jeder Mensch unabhängig vom Geldbeutel eine würdige Wohnform wählen könne: „Der Mensch muss mehr im Vordergrund stehen und nicht die Quantität.“
Versteeg ergänzte, ihr Unternehmen verstehe Ausbildung auch als Investition in die gesamte Branche. Selbst wenn Auszubildende nach dem Abschluss in die Akutpflege wechselten, „können wir zumindest sagen, dass wir gut ausgebildet haben“. Versteeg betonte, die generalistischen Pflegeausbildung sei für die Langzeitpflege allerdings „eine viel, viel größere Umstellung als für die Gesundheits- und Krankenpflege“. Betriebliche Ausbildungspläne und Teams müssten besser auf die neuen Anforderungen vorbereitet werden.
Moderatorin Ennulat verwies abschließend auf die New Care – Leadership Community von Altenheim als trägerübergreifenden Raum für Austausch auf Augenhöhe: „Wir sitzen irgendwie alle im selben Boot.“
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