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Verhandlungen mit Kostenträgern müssen deutlich vereinfacht werden

Sven Beyer, Vorsitzender der bpa-Landesgruppe Bremen/Bremerhaven, fordert angesichts der aktuellen Lage kurzfristige Lösungen. „Die Verhandlungen mit den Kostenträgern müssen deutlich vereinfacht und beschleunigt werden, um eine zeitnahe Refinanzierung gestiegener Kosten sicherzustellen“, so Beyer im Interview.

Sven Beyer, Vorsitzender der bpa-Landesgruppe Bremen/Bremerhaven Foto: bpa

Herr Beyer, wie bewerten Sie die aktuellen Auswirkungen des Personalmangels in der Pflege auf andere Branchen, insbesondere in Bezug auf die berufliche Tätigkeit von pflegenden Angehörigen?

Was im KiTa-Bereich gilt, gilt auch für Pflegebedürftige: Wenn die Versorgung nicht gesichert ist, fallen Angehörige am eigenen Arbeitsplatz aus, reduzieren Stunden oder geben die Erwerbstätigkeit sogar ganz auf. Wer keinen ambulanten Dienst für seine Mutter oder keinen Heimplatz für seinen Vater findet, fährt morgen keinen ICE und baut auch keine Wärmepumpen ein. Der vor allem durch fehlendes Personal getriebene Angebotsmangel in der Pflege ist längst eine Wohlstands- und Wachstumsbremse.

Dieser Effekt kommt langsam in das Bewusstsein von Unternehmen und Gesellschaft. Schon heute finden viele pflegende Angehörige nicht mehr die professionelle Unterstützung, die sich dringend brauchen. Das setzt die betroffenen Familien unter großen Druck, wird öffentlich und in der Politik bisher aber kaum wahrgenommen.

Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor, um den dramatischen Rückgang von Pflegeplätzen in Bremen anzugehen und die Situation für Pflegebedürftige sowie ihre Familien zu verbessern?

Jetzt müssen alle Ampeln auf Grün gestellt werden, um möglichst viele Kräfte in die Pflege zu bringen. Wir müssen die Generalistische Pflegeausbildung ideologiefrei überprüfen und über eine Wiedereinführung der Altenpflegeausbildung nachdenken. Diese hat vor ihrer Abschaffung für jährliche Zuwachsraten von sechs Prozent gesorgt, während die Zahlen heute deutlich unter dem damaligen Niveau liegen.

Internationale Kräfte müssen mit einer „Kompetenzvermutung“ sofort damit beginnen können, uns bei der Lösung unserer Versorgungsprobleme zu helfen. Das bedeutet: Wer eine vergleichbare dreijährige Ausbildung absolviert und die angemessenen Sprachkenntnisse erworben hat, kann direkt als Fachkraft eingesetzt werden; eventuell notwendige Anerkennungsverfahren können parallel laufen.

Zudem brauchen die Träger eine möglichst hohe Flexibilität beim Personaleinsatz, um mit den vorhandenen Kräften so viele Pflegebedürftige wie möglich versorgen zu können.

Inwiefern sehen Sie die wirtschaftlichen Herausforderungen für Träger von Pflegeeinrichtungen als Folge des Personalmangels und welche langfristigen Lösungsansätze können hierbei unterstützen?

Es geht um kurzfristige Lösungen! Die Verhandlungen mit den Kostenträgern müssen deutlich vereinfacht und beschleunigt werden, um eine zeitnahe Refinanzierung gestiegener Kosten sicherzustellen. Außerdem müssen die Kostenträger schlicht ihre Rechnungen schneller begleichen. Es ist nicht die Aufgabe der Pflegeeinrichtungen, den Personalmangel in der Verwaltung zu subventionieren.

Und zuletzt muss die Pflegeversicherung ihr zentrales Versprechen wieder erfüllen, dass niemand durch Pflegebedürftigkeit in die Sozialhilfe abrutscht. Viele Pflegebedürftige können sich heute die Leistungen, die sie brauchen und die ihnen zustehen, nicht mehr leisten. Allein durch die korrekte Zuordnung von Kosten, die eigentlich nicht von der Pflegeversicherung getragen werden müssen wie die Behandlungspflege für Menschen in vollstationären Einrichtungen und vieles mehr, ließen sich Spielräume schaffen, um Pflegebedürftige mit deutlich höheren Leistungen auszustatten.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach große Konzerne sowie der Mittelstand bei der Bewältigung der Pflegekrise und wie können sie aktiv zur Lösungsfindung beitragen?

Bei diesem Thema gibt es kein „Klein“ oder „Groß“. Die Problemlagen sind in Einrichtungen aller Größenordnungen ähnlich. Und die Lösungen müssen eigentlich nicht mehr gefunden werden, sie wurden von uns ausformuliert und liegen auf dem Tisch. Die Politik muss endlich anerkennen, wie sehr pflegende Angehörige derzeit unter Druck stehen, und die vorgeschlagenen Maßnahmen ergreifen.

Die Fragen stellte Lukas Sander.

Veranstaltungstipp

Wer für seine Angehörigen keinen Pflegeplatz findet, fehlt morgen selbst bei der Arbeit – wie der Versorgungsmangel in der Pflege der Gesamtwirtschaft schadet

8. Mai 2024 um 16:30 im ATLANTIC Grand Hotel Bremen

Die fehlende pflegerische Versorgung in Deutschland ist inzwischen ein Treiber des Personalmangels in anderen Branchen. Pflegende Angehörige müssen in großer Zahl ihre eigene Berufstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben, weil professionelle Unterstützung fehlt.

Die Situation in Bremen ist dramatisch: Jeder 6. Pflegeplatz kann laut aktuellem Landespflegebericht nicht belegt werden – damit sind 1.000 Versorgungsplätze verschwunden, vor allem, weil Personal fehlt.

Damit fehlen nicht nur ausreichende Unterstützungsangebote für Pflegebedürftige und ihre Familien, sondern es entstehen auch erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten für die Träger. Die Folge: Drohende und gerade in Bremen bereits vollzogene Insolvenzen sowie eine sich weiter verschärfende Situation. Diese Entwicklung ist längst zum Problem in der Gesamtwirtschaft geworden – in großen Konzernen ebenso wie im Mittelstand.

Die Unternehmensverbände im Lande Bremen, die Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven, der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste und die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege laden deshalb gemeinsam zu einer Podiumsdiskussion ein, um Lösungswege aufzuzeigen.

Die Veranstaltung ist kostenfrei, aber anmeldepflichtig.

https://www.sozialag.de/wp-content/uploads/2024/04/Einladung-Veranstaltung_Versorgungsmangel-in-der-Pflege-und-die-Auswirkungen-auf-die-Wirtschaft.pdf

Anmeldung:
Melden Sie sich bitte per E-Mail an lag@sozialag.de mit Angabe ihres Namens und der Organisation/Institution/Unternehmens an.