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Kipppunkte in der Pflege in Deutschland vorhergesagt

Die Regierung wollte die Pflege eigentlich für einige Jahre stabilisieren. Doch nun zeigt sich: Das Geld reicht wohl nicht mehr lange – und das Personal auch nicht.

Personalmangel, Fachkräftemangel
Das Personal in der Pflege ist jetzt schon knapp. In den kommenden Jahren wird sich die Situation noch verschärfen, wenn mehr Pflegekräfte in den Ruhestand gehen und mehr Menschen pflegebedürftig werden. In einigen Bundesländern ist der Kipppunkt noch in diesem Jahrzehnt erreicht. Foto: AdoebStock/Fokussiert

Den Versicherten könnte einer neuen Studie zufolge schon bald eine weitere Erhöhung der Pflegebeiträge ins Haus stehen. Bereits zum kommenden Jahreswechsel dürfte die immer weiter steigende Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland einen Anstieg nötig machen, heißt es nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur im neuen Pflegereport der Krankenkasse DAK-Gesundheit, der an diesem Dienstag in Berlin vorgestellt werden soll.

Beitragssatzerhöhungen zeichnen sich ab

Zur Stabilisierung der Pflegeversicherung hatte der Bundestag im vergangenen Jahr eine Reform beschlossen. Die Finanzen sollten eigentlich bis 2025 abgesichert sein. Der Beitrag für Kinderlose stieg auf 4 Prozent und für Beitragszahler mit einem Kind auf 3,4 Prozent. Der Arbeitgeberanteil ging auf 1,7 Prozent herauf. Bei mehr Kindern sinkt der Beitrag. Nun zeichnen sich laut dem DAK-Report bereits für das vierte Quartal 2024 deutliche Finanzierungslücken ab, „die voraussichtlich Beitragssatzerhöhungen noch vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr erforderlich machen“, heißt es.

Kipppunkte noch in diesem Jahrzehnt erreicht

Zudem schlagen die Wissenschaftler des Freiburger Sozialforschungsinstituts AGP im Auftrag der DAK wegen der Personallage Alarm. Die Arbeitsmarktreserve in der Pflege schrumpfe. Aus der Gegenüberstellung von altersbedingten Berufsaustritten und einer abnehmenden Zahl an Nachwuchskräften ergebe sich eine in den kommenden Jahren verschärfte Lücke. Noch in den 2020er-Jahren werde es nicht mehr ausreichend nachrückende Absolventinnen und Absolventen von Pflegeschulen geben, um die Lücke der aus dem Beruf ausscheidenden Baby-Boomer zu schließen.

So gab es laut der Studie 2023 über 1,14 Millionen professionell Pflegende in Deutschland. Mehr als jede und jeder Fünfte von ihnen erreiche in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter. In jedem Bundesland müssten dann um die 20 Prozent des Personals ersetzt werden – der Bedarf variiere zwischen 19,7 Prozent in Sachsen und 26,5 Prozent in Bremen. „In einzelnen Bundesländern werden noch in diesem Jahrzehnt Kipppunkte erreicht, an denen deutlich mehr Pflegende in den Ruhestand gehen als Nachwuchskräfte in den Beruf einsteigen“, so der Report. In Bremen und Bayern werde dies bereits 2029 der Fall sein.

AGVP-Präsident: „Versorgungskrise ist abwendbar“

Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) ruft dazu auf, die Realität des absehbar geringeren Pflegepersonals zu akzeptieren. Um die Versorgung zu sichern, fordert AGVP-Präsident Thomas Greiner einen flexibleren Personaleinsatz in der Altenpflege. Entgegen dem, was der Begriff „Kippunkte“ suggeriert, sei die Versorgungskrise abwendbar, so Greiner: „Denn im OECD-Vergleich haben wir immer noch rund ein Drittel mehr Pflegepersonal zur Verfügung als der Durchschnitt. Diesen Vorteil müssen wir nutzen.“

Pflegekassen und Landesgesetzgeber müssten sich von unrealistischen Fachkraftquoten verabschieden. Der Personaleinsatz in der Altenpflege müsse massiv flexibilisiert werden, um den Pflegeeinrichtungen den Innovationsraum zu schaffen, Wege zu einer würdevollen Versorgung von immer mehr Pflegebedürftigen zu finden – auch mit weniger Personal, so Greiner weiter.

Passend dazu: In Sachsen wird die Fachkraftquote abgeschafft.