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Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag: Kontrolle allein wird den Krankenstand nicht senken

Nach den aktuellen Plänen der Bundesregierung soll schon der erste Fehltag ein Attest erfordern. Das würde Fehlzeiten eher erhöhen als senken, meint Christian Conrad im Blog auf Altenheim Online: „Arbeitgeber haben die eigentliche Lösung selbst in der Hand.“

Christian Conrad
Christian Conrad ist Organisationsentwickler, Führungskräfte-Coach und Autor aus Bremen. Foto: Norman Boesche

Von Christian Conrad

Die Diskussion um die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag wird derzeit kontrovers geführt. Ich kann gut nachvollziehen, warum viele Arbeitgeber in der stationären Altenpflege den Vorschlag zunächst begrüßen. Schließlich gehören hohe Krankenstände seit Jahren zu den größten Herausforderungen der Branche. Fällt eine Pflegekraft aus, müssen Kolleginnen und Kollegen einspringen, Dienste werden umorganisiert und die Belastung für das gesamte Team steigt. Gleichzeitig gibt es leider auch Fälle, in denen einzelne Beschäftigte das System ausnutzen und damit das Vertrauen im Team beschädigen. Trotzdem glaube ich, dass die Attestpflicht das eigentliche Problem nicht lösen wird.

Hohe Fehlzeiten haben unterschiedliche Ursachen

Natürlich gibt es Missbrauch. Ihn zu leugnen, wäre unrealistisch. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Ist Missbrauch die Hauptursache für hohe Krankenstände?

Gerade in der Altenpflege sprechen viele Gründe dagegen. Körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten, Schichtarbeit, emotionale Belastungen und Personalmangel führen dazu, dass viele Mitarbeitende tatsächlich häufiger erkranken als in anderen Branchen. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen seit Jahren, dass auch die emotionale Bindung an den Arbeitgeber einen erheblichen Einfluss auf Fehlzeiten hat.

Wer sich wertgeschätzt fühlt, gerne im Team arbeitet und Vertrauen erlebt, geht in der Regel verantwortungsvoll mit Krankmeldungen um. Das bedeutet nicht nur, dass solche Mitarbeitenden nicht grundlos fehlen. Sie kommen auch nicht krank zur Arbeit und gefährden dadurch ihre Kolleginnen, Kollegen oder Bewohnerinnen und Bewohner.

Kontrolle kann sogar das Gegenteil bewirken

Genau deshalb sehe ich die geplante Attestpflicht kritisch. Wer bereits wegen eines eintägigen Infekts zum Arzt muss, erhält häufig nicht nur eine Krankschreibung für diesen einen Tag. Aus medizinischer Vorsicht werden daraus oft mehrere Tage.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Wenn Mitarbeitende das Gefühl bekommen, dass ihnen grundsätzlich misstraut wird, leidet die emotionale Bindung an den Arbeitgeber. Wer Vertrauen durch Kontrolle ersetzt, stärkt selten die Motivation. Gerade in der Altenpflege, wo Teamarbeit und gegenseitige Unterstützung unverzichtbar sind, kann dieses Signal problematisch sein.

Die eigentliche Chance liegt bei den Arbeitgebern

Sollte die Reform tatsächlich kommen, würde ich den Blick weniger auf die neue Attestpflicht richten als auf die Möglichkeiten, die Unternehmen selbst haben. Denn der Gesetzentwurf sieht ausdrücklich vor, dass Betriebe über Betriebsvereinbarungen oder tarifliche Regelungen eigene Lösungen vereinbaren können. Das eröffnet Arbeitgebern die Chance, bewusst ein Zeichen für Vertrauen zu setzen.

Natürlich bedeutet Vertrauen nicht, naiv zu sein. Es bedeutet auch nicht, Missbrauch zu akzeptieren. Wer wiederholt auffällig wird, muss selbstverständlich angesprochen werden. Allerdings sollte dies immer das Gespräch mit der betreffenden Person sein – nicht eine pauschale Verschärfung für alle Beschäftigten.

Was Einrichtungen jetzt konkret tun können

Aus meiner Sicht gibt es drei Maßnahmen, die deutlich wirksamer sind als zusätzliche Kontrolle:

  • Betrachten Sie Fehlzeiten als Frühwarnsystem. Fragen Sie nicht nur: „Wer fehlt?“, sondern auch: „Warum fehlt jemand möglicherweise häufiger?“ Hinter steigenden Krankenständen stecken oft Überlastung, fehlende Wertschätzung oder ungelöste Konflikte.
  • Investieren Sie in Ihre Führungskräfte. Die direkte Führung entscheidet maßgeblich darüber, ob sich Mitarbeitende gesehen, unterstützt und ernst genommen fühlen. Wertschätzende Gespräche, regelmäßiges Feedback und echtes Zuhören kosten wenig Zeit, können aber einen großen Unterschied machen.
  • Sprechen Sie offen über Verantwortung im Team. In der Altenpflege trägt jede Krankmeldung unmittelbare Konsequenzen für Kolleginnen und Kollegen. Eine Kultur, in der offen über gegenseitige Unterstützung gesprochen wird, wirkt oft nachhaltiger als zusätzliche Regeln.

Mein Fazit

Die Herausforderungen in der stationären Altenpflege werden sich nicht durch strengere Attestregelungen lösen lassen. Wer ausschließlich auf Kontrolle setzt, behandelt die Symptome, nicht die Ursachen.

Mein Rat lautet deshalb: Nutzen Sie die aktuelle Diskussion als Anlass, die eigene Führungskultur zu hinterfragen. Denn dort entscheidet sich langfristig, ob Mitarbeitende sich mit ihrer Einrichtung verbunden fühlen, Verantwortung übernehmen und gerne zur Arbeit kommen.

Vertrauen ersetzt keine Führung – aber gute Führung schafft Vertrauen. Und genau das ist aus meiner Sicht der wirksamste Hebel, um Krankenstände nachhaltig zu senken.

Christian Conrad ist Organisationsentwickler, Führungskräfte-Coach und Autor aus Bremen. Mit seiner Beratung Magnetic Culture begleitet er mittelständische Unternehmen mit 150 bis 1.000 Beschäftigten bei Mitarbeiterbindung, Führungskräfteentwicklung und Kulturwandel. Kontakt: www.christianconrad.org

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