Blog

Apotheken bekommen mehr Verantwortung: Wann folgt endlich die Pflege?

Der Bundestag gibt Apotheken neue Aufgaben in der Versorgung und übergeht die Pflege erneut. Während andere Gesundheitsberufe an Eigenständigkeit gewinnen, bleibt die größte Berufsgruppe im System auf dem Status der „unterstützenden Hand“ sitzen. Elisabeth Scharfenberg kritisiert dies als politische Doppelmoral und verschenkte Kompetenzen.

Elisabeth Scharfenberg
Foto: Michael Farkas

Von Elisabeth Scharfenberg

Mit der jüngsten Entscheidung des Bundestages, Apothekerinnen und Apothekern weitere Aufgaben in der Gesundheitsversorgung zu übertragen, sendet die Politik ein klares Signal: Die Herausforderungen des Gesundheitswesens lassen sich nicht mehr allein durch die Ärzteschaft bewältigen. Mehr Kompetenzen für andere Gesundheitsberufe sind notwendig. Das ist richtig. Doch die Entscheidung wirft eine unbequeme Frage auf: Warum gilt diese Erkenntnis offenbar für Apothekerinnen und Apotheker, nicht aber in gleichem Maße für die Pflege?

Seit Jahren wird über die Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten an Pflegefachpersonen diskutiert. Seit Jahren liegen Modellprojekte, wissenschaftliche Erkenntnisse und internationale Erfahrungen auf dem Tisch. Seit Jahren ist bekannt, dass hochqualifizierte Pflegefachpersonen viele Aufgaben eigenständig übernehmen können – und dennoch bleibt Deutschland eines der restriktivsten Länder Europas, wenn es um die berufliche Autonomie der Pflege geht.

Pflegekompetenzen stärken: Warum Deutschland bei der beruflichen Autonomie hinterherhinkt

Während Apothekerinnen und Apotheker zunehmend als eigenständige Gesundheitsdienstleister anerkannt werden, kämpft die Pflege noch immer um Kompetenzen, die in anderen Ländern längst selbstverständlich sind. Pflegefachpersonen versorgen chronisch kranke Menschen, beurteilen Gesundheitszustände, koordinieren komplexe Versorgungsprozesse und treffen täglich weitreichende klinische Entscheidungen. Trotzdem werden sie politisch häufig noch immer als „unterstützende Berufsgruppe“ betrachtet.

Diese Haltung ist längst nicht mehr zeitgemäß. Der Fachkräftemangel, die demografische Entwicklung und die steigende Zahl chronisch erkrankter Menschen machen deutlich: Das deutsche Gesundheitswesen kann es sich nicht länger leisten, die Kompetenzen der Pflege brachliegen zu lassen.

Fachkräftemangel in der Pflege: Mehr Verantwortung als Schlüssel für die Versorgungssicherheit

Besonders irritierend ist dabei die unterschiedliche politische Geschwindigkeit. Wenn Apothekerinnen und Apotheker zusätzliche Aufgaben übernehmen, wird dies als notwendige Modernisierung gefeiert. Geht es hingegen um die Übertragung ärztlicher Tätigkeiten an Pflegefachpersonen, dominieren Bedenken, Zuständigkeitsdebatten und Standesinteressen. Offenbar wird der Pflege noch immer nicht das gleiche Vertrauen entgegengebracht wie anderen Gesundheitsberufen.

Dabei geht es nicht um Konkurrenz zur Ärzteschaft. Es geht um eine sinnvolle Verteilung von Verantwortung. Delegation allein reicht nicht mehr aus. Wer die Pflege lediglich als verlängerten Arm ärztlicher Entscheidungen versteht, verkennt die Realität moderner Versorgung. Was gebraucht wird, ist echte Substitution dort, wo Pflegefachpersonen die Qualifikation besitzen, Aufgaben eigenverantwortlich zu übernehmen.

Die Entscheidung zugunsten der Apotheken macht deshalb vor allem eines sichtbar: Wenn politischer Wille vorhanden ist, können traditionelle Berufsgrenzen verschoben werden. Genau diesen Mut braucht es jetzt auch für die Pflege.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob Pflegefachpersonen mehr Verantwortung übernehmen können. Diese Frage ist längst beantwortet. Die entscheidende Frage lautet: Warum verweigert die Politik der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen noch immer die Kompetenzen, die sie für eine zukunftsfähige Versorgung dringend benötigt?

Wer den Apotheken mehr Verantwortung zutraut, muss endlich auch den Mut haben, der Pflege die Rolle zu geben, die ihr längst zusteht: als eigenständige Heilberufsausübung mit klar definierten Verantwortungsbereichen, echten Entscheidungskompetenzen und rechtlicher Selbstständigkeit. Alles andere ist nicht nur inkonsequent – es gefährdet die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Deutschland.