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Alt werden in Benidorm: vom Sonnentraum zur Pflegerealität
Benidorm galt als Sehnsuchtsort deutscher Rentner – heute prägen Elektroscooter, Pflegedienste und Einsamkeit das Bild. Die erste große Generation der Auswanderer wird alt und stellt eine Frage, die viele verdrängen: Wo will ich wirklich alt werden – im sonnigen Spanien oder im vertrauten Deutschland?
Von Elisabeth Scharfenberg
Benidorm an der spanischen Costa Blanca war für viele Deutsche, Briten oder Niederländer jahrzehntelang ein Versprechen. Sonne statt Wintergrau. Meerblick statt Reihenhaussiedlung. Ein letzter großer Aufbruch nach einem langen Arbeitsleben. Wer hierher zog, kam meist voller Energie: mit Wanderlust, Plänen und dem Gefühl, sich den Ruhestand endlich verdient zu haben. Heute sieht man in den Straßen von Benidorm eine andere Realität. Zwischen Strandpromenade, Cafés und Hochhäusern summen überall die kleinen zweisitzigen Elektroscooter. Darauf hintereinandersitzend ältere deutsche, britische oder niederländische Ehepaare, langsam unterwegs, oft schweigend.
Früher gingen sie zu Fuß zum Markt oder tanzten abends am Boulevard. Jetzt reicht die Kraft oft nur noch für kurze Wege mit elektrischem Antrieb. Benidorm ist damit zu einem Symbol für eine stille Veränderung geworden: Die erste große Generation deutscher Rentenauswanderer wird alt. Sehr alt. Viele kamen mit Anfang oder Mitte sechzig hierher. Gesund, unabhängig und überzeugt, den perfekten Ort für den Lebensabend gefunden zu haben. Die Lebenshaltungskosten waren niedriger, das Wetter besser, die Menschen freundlicher. Doch niemand denkt mit 65 gern an Pflegebedürftigkeit. Niemand stellt sich vor, wie sich das Leben anfühlt, wenn plötzlich die Treppen zur Wohnung zu steil werden oder der Partner nachts nicht mehr allein aufstehen kann. Inzwischen entsteht an der Costa Blanca ein ganz neuer Markt auch rund um diese alternde deutsche Gemeinschaft. Deutsche Haushaltshilfen, mobile Pflegedienste, Begleiter für Arztbesuche, Einkaufsservices oder Seniorenfahrdienste gehören längst zum Alltag. Schwarze Bretter in deutschen Cafés hängen voller Angebote: „Pflegekraft gesucht“, „Hilfe für Demenzpatientin“, „24-Stunden-Betreuung deutschsprachig“.
Viele Familien in Deutschland erleben die Situation mit wachsender Sorge. Die Eltern wollten einst Freiheit und Sonne – nun sitzen sie weit entfernt, oft einsam in Apartments mit Meerblick. Die Kinder telefonieren aus Hamburg, Köln oder München und merken plötzlich, dass die Stimmen ihrer Eltern müder werden. Dass die Mutter Dinge vergisst. Dass der Vater nicht mehr richtig laufen kann. Besonders traurig wird es, wenn einer der Partner stirbt. Dann bleiben Menschen zurück, die Jahrzehnte gemeinsam von diesem Traum gelebt haben – und nun allein in einem fremden Land alt werden. Manche wollen nicht mehr zurück nach Deutschland, weil Benidorm längst Heimat geworden ist. Andere würden gern zurückkehren, finden aber keine Wohnung, keinen Pflegeplatz oder haben schlicht nicht mehr die Kraft für einen Neuanfang.
Und genau hier beginnt die eigentliche Frage, die viele verdrängen: Soll man seinen Träumen folgen, obwohl man weiß, dass irgendwann Pflegebedürftigkeit und Einsamkeit kommen könnten? Oder bleibt man lieber im vertrauten deutschen System – nah bei Familie, Ärzten und sozialer Sicherheit? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Denn wer aus Angst vor dem Alter nie den Mut zum Aufbruch hat, verzichtet vielleicht auf die glücklichsten Jahre seines Lebens. Gleichzeitig zeigt Benidorm, dass Sonne allein keine Sicherheit bietet. Dass das Alter selbst im Paradies verletzlich macht.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um die Entscheidung zwischen Deutschland und Spanien. Sondern darum, rechtzeitig ehrlich zu sich selbst zu sein: Wie möchte ich alt werden? Was bedeutet Heimat wirklich? Und wer wird da sein, wenn die Kraft langsam verschwindet? Zwischen Palmen, Sonnenuntergängen und den leise summenden Elektroscootern erzählt Benidorm heute deshalb nicht nur vom Traum des Auswanderns. Sondern auch von der großen menschlichen Sehnsucht, selbst im Alter nicht allein zu sein.
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