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Zurück in die Pflege der 1950er?
Die Familie soll wieder mehr pflegen. Klingt warm. Meint aber: Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter sollen die Arbeitszeit reduzieren und einspringen, wo das System versagt. Das ist keine Reform, sondern der Rückweg in die 1950er, schreibt Elisabeth Scharfenberg im Blog auf Altenheim Online.
Die nächste Pflegereform entscheidet über das Leben von Millionen Menschen. Über Pflegebedürftige, die nicht wissen, wie sie den nächsten Eigenanteil bezahlen sollen. Über Angehörige, die pflegen, organisieren und trösten und dabei selbst an ihre Grenzen geraten. Über Pflegekräfte, die täglich versuchen, unter schwierigen Bedingungen Menschlichkeit zu bewahren. Wenn ich fordere, dass diejenigen, die Gesetze machen, auch selbst nach diesen Gesetzen leben sollen, wird eine Partei sofort rufen: „Seht her, genau das ist die Politik der Altparteien! Sie predigen Wasser und trinken selbst Wein.“ Und ja: Dieser Vorwurf trifft einen wunden Punkt. Wer über Beiträge, Pflegeleistungen, Eigenanteile und zumutbare Belastungen entscheidet, darf sich nicht darauf verlassen, im eigenen Pflegefall durch ein besser ausgestattetes Sondersystem geschützt zu sein. Wer anderen erklärt, welche Absicherung genügen soll, muss sich fragen lassen, ob er diese auch für sich selbst und die eigenen Eltern akzeptieren würde.
Wie glaubwürdig ist die Reform?
Glaubwürdigkeit entsteht nur durch gemeinsame Regeln. Doch aus einer lauten und vielleicht auch populistischen Kritik folgt noch lange keine richtige Lösung. Gerade in der Pflege gibt es keine einfachen Antworten. Es gibt keine hochwertige Versorgung zum Nulltarif, keine Reform ohne Zielkonflikte und keine tragfähige Zukunft ohne eine gerechte Finanzierung. Die scheinbar einfache Lösung lautet: Die Familie soll wieder mehr übernehmen. Das klingt zunächst warm und vertraut. Aber wer ist mit „der Familie“ in der Realität gemeint? Meistens sind es Frauen: Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter. Sie sollen ihre Arbeitszeit reduzieren, beruflich zurückstecken und selbstverständlich einspringen, wenn das professionelle Pflegesystem Lücken lässt. Das ist keine zukunftsfähige Pflegereform. Es ist der Rückweg in die 1950er-Jahre – in eine Zeit, in der Sorgearbeit als natürliche Pflicht der Frau galt, unsichtbar blieb und kaum Anerkennung fand.
Dorthin will niemand zurück. Familien tragen schon heute Enormes. Sie verdienen Unterstützung, Entlastung und gesellschaftliche Anerkennung. Sie dürfen nicht zur kostenlosen Ausfallreserve eines unterfinanzierten Systems gemacht werden.
Aufrichtigkeit bedeutet deshalb beides: die eigene Doppelmoral zu erkennen und populistischen Scheinlösungen zu widersprechen. Wer Leistungen begrenzen oder Eigenanteile verändern will, muss das offen sagen. Wer die häusliche Pflege stärken will, muss Angehörige tatsächlich entlasten: mit Zeit, Geld, Beratung und verlässlichen Angeboten.
Faire Entscheidungen im Gesetzgebungsverfahren
Auch das Gesetzgebungsverfahren selbst muss ehrlich sein. Pflegebedürftige, Angehörige, Pflegekräfte, Kommunen, Verbände und Wissenschaft brauchen ausreichend Zeit, Vorschläge zu prüfen. Ihre Erfahrungen sind kein dekorativer Zusatz. Sie müssen Gewicht haben. Die Pflegekrise lässt sich nicht mit einem Schlagwort lösen. Sie verlangt unbequeme Wahrheiten, faire Entscheidungen und die Bereitschaft, selbst nach den Regeln zu leben, die man anderen zumutet.
Deshalb sollte für jedes neue Pflegegesetz eine einfache Frage gelten: Würden die Verantwortlichen dieses System auch für sich und ihre Familien wählen? Wenn die ehrliche Antwort Nein lautet, ist das Gesetz nicht gut genug.
Mehr zum Thema auf dem Altenheim Management Kongress am 1. + 2. Oktober 2026
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