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Warken will drohendes Milliardenloch in der Pflege abwenden

Die neue Gesundheitsministerin Nina Warken will die Pflegeversicherung mit einer Finanzspritze vor einem drohenden Milliardendefizit bewahren. Geredet werden müsse über einen Ausgleich des Bundes für Milliardenausgaben während der Corona-Pandemie, sagte die CDU-Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

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Bis Ergebnisse für eine große Reform vorliegen, werde es noch etwas dauern, sagt Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Vorher müssten die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisiert werden. Foto: Tobias Koch

Nach neuen Berechnungen der Krankenkasse DAK-Gesundheit steuert die Pflegeversicherung auf ein Defizit von in diesem Jahr 1,65 und von 3,5 Milliarden Euro 2026 zu.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte einen baldigen Start einer für grundsätzliche Reformen vorgesehenen Bund-Länder-Arbeitsgruppe an. „Aber sie braucht dann noch einige Monate Zeit, um Ergebnisse vorzulegen“, sagte die Nachfolgerin des ausgeschiedenen Ministers Karl Lauterbach (SPD). „Bis dahin sind kurzfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der Pflegefinanzen dringend nötig.“

Warken: Bund schuldet Pflegeversicherung Milliarden

Bereits Lauterbach hatte eine Pflegereform angekündigt, doch kam es dazu angesichts des vorzeitigen Scheiterns der Ampel nicht mehr. Warken verwies auf mehr als fünf Milliarden Euro, die der Bund den Pflegekassen für Ausgaben etwa für vor der Schließung bedrohte Einrichtungen während der Pandemie schulde. „Dafür braucht die Pflegeversicherung einen Ausgleich.“

Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warf der Regierung fehlenden Reformwillen und mangelnde Fantasie vor. „Die Pflege ist selbst zum Patienten geworden, der Handlungsbedarf dramatisch“, sagte Haßelmann der Deutschen Presse-Agentur. „Dringend nötige Reformen dürfen nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden.“ Union und SPD lagerten die akut drängenden Fragen aber in Kommissionen aus. „Dabei hat die Regierung selbst eingeräumt, dass die Pflegeversicherung spätestens zu Anfang 2026 frisches Geld braucht, um zahlungsfähig zu bleiben.“ Die Pflege drohe auf der Intensivstation zu landen.

Kein Vertrauen in das System mehr

Laut DAK-Pflegereport sehen fast 80 Prozent der Deutschen einen grundlegenden Reformbedarf im System der Pflege. Die erhobenen Umfragedaten seien alarmierend, denn offenbar hätten bereits viele Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in die pflegerische Versorgung verloren, sagte der Vorstandsvorsitzende Andreas Storm. „65 Prozent der Befragten halten die Versorgung für nicht gut. 92 Prozent sagten, gute Pflege hänge vom eigenen Vermögen ab“, berichtete Storm. Und 85 Prozent der Menschen sagten, die Politik müsse mehr für die Sicherstellung einer verlässlichen Pflege tun.

Bayern will höhere Beiträge vermeiden

Die Bürgerinnen und Bürger dürfen nach Ansicht von Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach nun nicht höhere Beiträge bezahlen müssen. „Die neue Bundesregierung muss dringend handeln, um weitere Beitragserhöhungen noch in diesem Jahr zu vermeiden“, sagte die CSU-Politikerin in München.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte die Regierung auf, zunächst die Einnahmen der Pflegeversicherung auf ein zukunftssicheres Fundament zu stellen. „Erst wenn das Geld da ist, kann über Inhalte einer dringend notwendigen Reform gesprochen werden“, sagte Brysch der dpa. „Absichtserklärungen helfen Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nicht.“ Sofort zu stoppen sei die Plünderung der Versicherung durch versicherungsfremde Leistungen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) müsse neben den coronabedingten Lasten auch jährliche Mittel von 3,5 Milliarden für Rentenversicherungsbeiträge pflegender Angehöriger zurückzuzahlen. Die Chefin des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Michaela Engelmeier, pochte auf Entlastung der Beitragszahler und der Pflegepatienten.

DAK: 0,3 Prozentpunkte mehr Beitrag droht

Ohne neue Finanzmittel sei spätestens zum Jahreswechsel 2026 eine Beitragserhöhung um mindestens 0,3 Beitragssatzpunkte unvermeidlich, sagte DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Für ein Kassenmitglied beispielsweise mit einem Kind werden heute 3,6 Prozent des Bruttoeinkommens fällig.

Bereits im vergangenen Jahr war die Pflegeversicherung mit 1,54 Milliarden Euro ins Minus gesackt. Zur finanziellen Stabilisierung wurde die Pflegebeiträge zu Jahresbeginn um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Hinsichtlich der Notwendigkeit von Reformen sieht sich Kassenchef Storm einig mit einer in einer Umfrage ermittelten Bevölkerungsmehrheit: Laut einem neuen DAK-Pflegereport sehen fast 80 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger einen grundlegenden
Reformbedarf in der Altenpflege.

7,6 Milliarden Pflegebedürftige in Deutschland?

Der neue Pflegereport zeigt anhand weiterer Studienergebnisse auf, was auf die Pflegeversicherung zukommt: Von heute etwa 5,6 Millionen Menschen, die Leistungen aus der staatlichen Pflegeversicherung erhalten, dürfte sich die Zahl der Gepflegten in den nächsten beiden Jahrzehnten um über ein Fünftel erhöhen. 2055 – so offizielle Prognosen – sollen es zwischen 6,8 Millionen und 7,6 Millionen sein.

Wirtschaftsweise Grimm fordert Leistungskürzungen

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert angesichts der Finanzprobleme für Leistungskürzungen und eine höhere Selbstbeteiligung der Pflegepatienten. Die Beiträge zur Pflegeversicherung stiegen zu stark. „Das wird nicht durchhaltbar sein“, sagte sie in einem „Bild“-Interview. Das bedeute, dass man die Ausgestaltung wahrscheinlich anpassen müsse: „also weniger Leistungen, die dann mit realistischen Beiträgen gezahlt werden müssen“.

Institut: Leistungszuschlag für Pflegeheim-Bewohner:innen streichen

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat Leistungskürzungen in der gesetzlichen Pflegeversicherung gefordert, um Beitragssprünge 2026 zu vermeiden. „Kurzfristig könnte man eine Milliardensumme in der Pflegeversicherung einsparen, indem man den sogenannten Leistungszuschlag für die vollstationäre Pflege abschafft oder an strenge Bedingungen knüpft“, sagte IW-Experte Maximilian Stockhausen der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (23.Mai). „Es würde die Pflegekasse entlasten, wenn zumindest Ältere mit höheren Alterseinkünften oder Vermögen den Leistungszuschlag nicht mehr bekommen würden.“

Unterdessen werden in der stationären Langzeitpflege die Plätze seit Langem jedes Jahr teurer. Selbst für Bewohner:innen mit einer überdurchschnittlichen Rente wird es immer schwieriger, einen Platz aus eigener Tasche zu bezahlen.