Personal

PeBeM: Wie geht die Umsetzung der neuen Personalbemessung in Pflegeheimen voran?

Die Vorgaben zur neuen Personalbemessung nach § 113 c SGB XI (PeBeM) sind seit etwa einem Monat in Kraft. Und wie geht es in den Pflegeheimen mit der Umsetzung voran? Arbeitsabläufe müssen im Interesse von Bewohner:innen und Mitarbeitenden zeitgemäß und kompetenzbasiert neu gedacht werden, der Personalmix darauf abgestimmt – all dies im Einklang mit den Vorbehaltsaufgaben gemäß § 4 PflBG. Experte Michael Wipp berichtet im Interview über den aktuellen Stand und gibt Tipps für die Praxis.

Michael Wipp
Foto: Susanne El-Nawab Michael Wipp, Inhaber von WippCARE, Beratung und Begleitung für Pflegeinrichtungen

Herr Wipp, seit etwa einem Monat sind die neuen Vorgaben zur Personalbemessung (PeBeM) in Kraft. Sie sind in vielen Einrichtungen unterwegs: Wie ist Ihr Eindruck von der Lage vor Ort, was die Umsetzungsvorhaben angeht?

Viele Einrichtungen sagen, Sie warten ab, weil vielfach die Ordnungs- und Leistungsrechtlichen Regularien auf Landesebene nicht oder noch nicht vollständig vorliegen. Mein Eindruck ist dabei auch, dass sich vor allem das Ordnungsrecht mit dem Transfer in die Gegenwart, weg von der antiquierten und ein Vierteljahrhundert alten Fachkraftquote, sehr schwertut.
Abwarten macht jedoch überhaupt keinen Sinn, denn bei den zentralen Prozessen der Organisation- und der Personalentwicklung helfen ohnehin weder die regionale Heimaufsichtsbehörde noch die Kostenträger. Wer die Zielsetzungen und Inhalte der PeBeM-Studie kennt, weiß, wie die eigene Einrichtung strukturiert werden muss. Auch das Abwarten auf die Ergebnisse aus den Modellprojekten nach § 8 Abs. 3b SGB XI ist zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zielführend, weil diese abschließend erst Mitte 2025 vorliegen. Man sollte also mit einer einrichtungsintern wohl überlegten Umsetzung beginnen, unter Einbezug von zwischenzeitlich vorliegenden Erkenntnissen aus den sehr wenigen Modellprojekten und dem Wissen darum, dass auch die 3. Ausbaustufe gemäß Roadmap/§ 113 c SGB XI in 2025 hoffentlich kommt. Nur mit dieser letzten Stufe ist übrigens PeBeM quantitativ vollständig in die Praxis übertragen.

Mit der Umsetzung von § 113c SGB XI verknüpft ist eine völlig neue Organisation von Arbeitsabläufen – und dies im Einklang mit den Vorbehaltsaufgaben. Ich habe den Eindruck, dass manche Häuser dies als Chance nutzen und tatsächlich in Aufbruchstimmung sind, andere damit jedoch wirklich überlastet sind. Viele Pflegefachkräfte eignen sich nicht für die neue Rolle und sind überfordert. Teilen Sie diese Einschätzung?

Im Gegensatz zu den abwartenden Einrichtungen sehen andere wiederum die erheblichen Chancen und gleichermaßen die Notwendigkeit die bisher praktizierten Prozesse auf den Prüfstand zu stellen. Ich zitiere aus der PeBeM-Studie: “Dies erfordert ein Aufbrechen der etablierten und oftmals wenig kompetenzorientierten Arbeits- und Organisationsprozesse in den Einrichtungen sowie eine Festigung der neuen Aufgabenteilung im Kontext des spezifischen Qualifikationsmixes durch gezielte Personalentwicklungsprozesse.”
Gerade diese internen Prozesse benötigen viel Zeit und intensive Begleitung beispielsweise um den kompetenzbasierten Mitarbeitereinsatz in Verbindung mit dem Qualifikationenmix und den Vorbehaltenen Tätigkeiten in eine intern passende Struktur zu überführen. Das dauert Monate, wenn nicht länger. Gleichermaßen bedeutet das für diejenigen Einrichtungen, die diesen Weg bereits beschritten haben, sehr weit in der Umsetzung von § 113 c SGB XI unterwegs zu sein. Nicht selten erlebe ich in meiner Alltagspraxis, dass gerade diejenigen Einrichtungen, welche einen hohen Anteil an Leiharbeitnehmern aufweisen, das (weitgehende) Fehlen von strukturierten und transparenten Arbeitsablaufstrukturen haben. Eigentlich stellt eine strukturierte Arbeitsablauforganisation keine Notwendigkeit dar, die sich jetzt akut aus PeBeM ergibt, sondern im Interesse von Bewohnern, Mitarbeitern und der Einrichtung schon immer erforderlich ist.

Was raten Sie unseren Leser:innen, wie sie das Thema angehen sollten?

Im Wesentlichen ist das ganz einfach intern vorzubereiten:
1. Die qualitative Ebene: Erfassung der Ist-Mitarbeiterstrukturen. Dabei bin ich mitten in der Thematik der Personalentwicklung. Diese Analyse umfasst die 3 Qualifikationsebenen: Pflegeassistenten ohne Ausbildung, Mitarbeiter mit einer mindestens 1-jährigen Pflegeausbildung und die Fachkräfte. Damit kann ich in Folge den (Nach)-Qualifizierungsbedarf abschätzen und ebenso Mitarbeitern im Rahmen der Personalentwicklung Perspektiven aufzeigen.
2. Die quantitative Ebene: Abgleich meines jetzigen Mitarbeiterbestandes und der aktuell vertraglichen Vereinbarung mit den Kostenträgern vs. der bundesdeutschen Personalobergrenze nach § 113 c SGB XI in Verbindung mit der landesspezifischen Personalmindestausstattung.
Mit diesen beiden Ebenen bin ich intern vorbereitet und kann nach Vorliegen der Ordnungs- und Leistungsrechtlichen Regularien auf Landesebene die einrichtungsinterne Strategie sowohl für die kommenden Pflegesatzvereinbarungen, als auch für die intern erforderlichen Umsetzungsprozesse festlegen.

Sie sind als Referent auf dem Altenheim Management Kongress am 6./7. September in Köln dabei, was erwartet die Teilnehmenden bei Ihrem Vortrag?
Im Rahmen meines Vortrags am Donnerstag, den 7.09. um 11.30 Uhr, geht es um die Arbeitsablauforganisation wie ich diese bereits hier auch in dem Interview angesprochen habe. Ich möchte vor allem auch die Chancen vermitteln, die sich aus diesen neuen Strukturen ergeben. Dass Pflegearbeit herausfordernd ist, das wissen die Mitarbeiter selbst und benötigen darin keine Bestätigung oder noch schlimmer ein Mitjammern von Führungskräften. Mitarbeiter erwarten von den Führungskräften eine positive Unterstützung, die Begleitung in der Umsetzung und das Aufzeigen der vielfältigen Potenziale, die für die Pflege- und Betreuungsarbeit mit der Umsetzung von § 113 c SGB XI verbunden sind.
Mindestens seit Einführung der Pflegeversicherung in den Jahren 19956/1996 warten wir auf ein bundeseinheitliches Personalbemessungssystem. Jetzt ist es da und dies gilt es konstruktiv anzugehen. Zumal die jetzige Systematik der Fachkraftquote ohnehin am Ende ist und schon lange nicht mehr zeitgemäß.

Interview: Susanne El-Nawab

Der Altenheim Management Kongress findet am 6./7. Septemer 2023 in Köln statt. Mehr Infos zum Programm und zur Anmeldung