News

Mobile Geriatrie-Teams statt Notaufnahme für Hochaltrige

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis fordert einen Strukturwandel in der notfallmedizinischen Versorgung älterer Menschen. Er wirbt für mobile geriatrische Interventionsteams. Auch Pflegeheimbewohner sollen seltener in Notaufnahme müssen.

Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin sowie Leiter des ARDS / ECMO Zentrums der Kliniken Köln-Merheim. Foto: Marcus Simaitis

Menschen ab 75 Jahren gehörten bereits heute zur größten Patientengruppe in deutschen Notaufnahmen, erklärt Karagiannidis laut Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Die Zahl hochaltriger Patientinnen und Patienten werde in den kommenden Jahren weiter stark steigen. „Nicht immer ist aber das Krankenhaus der beste Anlaufpunkt. Wir müssen deshalb neue Versorgungswege schaffen, bevor das System an seine Grenzen kommt“, so der Leiter des ARDS/ECMO Zentrums der Kliniken Köln-Merheim und frühere Mitglied der Regierungskommission Krankenhaus.

Pflegeinterventionsteams als Alternative zur Notaufnahme

Speziell geriatrisch geschulte Interventionsteams sollen laut Karagiannidis künftig im Notfall zuhause eingesetzt werden. Sie könnten an Rettungsleitstellen angebunden werden und bei Notrufen über die 112 oder 116117 zunächst ambulant intervenieren, bevor ein Transport ins Krankenhaus notwendig werde. Gut qualifizierte Pflegekräfte könnten dabei eine tragende Rolle übernehmen, ergänzt durch telemedizinisch zugeschaltete geriatrische Fachexpertise.

Neue Versorgungsformen für Pflegeheime

Im Zuge der Krankenhausreform sollen sektorenübergreifende Versorgungsformen (SÜV), ursprünglich als Level 1 diskutiert, ältere Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf wohnortnah versorgen, ohne die Strukturen eines klassischen Akutkrankenhauses zu beanspruchen. Gerade für Pflegeheimbewohner könnten diese Einrichtungen nach Einschätzung des Mediziners eine Alternative zur Einweisung über die Notaufnahme bieten. „Die Geriatrie wird bei diesen neuen Versorgungsformen eine Schlüsselrolle übernehmen“, erklärt Karagiannidis. Entscheidend sei eine ausreichende Finanzierung der Strukturen; davon hänge auch das Überleben vieler Kliniken ab.

Prävention als dritte Säule

Neben neuen Strukturen sieht Karagiannidis Prävention als entscheidenden Hebel für die kommenden Jahrzehnte. Mehr Bewegung, gezieltes Kraft- und Schnellkrafttraining sowie frühzeitige Präventionsangebote könnten helfen, Pflegebedürftigkeit und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren oder hinauszuschieben, und das in jedem Alter. „Die große Pflegewelle kommt erst noch“, warnt der Mediziner. Wenn jetzt nicht gehandelt werde, lasse sich die Versorgung älterer Menschen langfristig nicht in der heutigen Qualität aufrechterhalten.

Prof. Christian Karagiannidis hält die Keynote „Neue Konzepte der notfallmedizinischen Versorgung geriatrischer Patienten“ auf dem Gemeinsamer Jahreskongress DGGG & DGG am 26. September in Frankfurt am Main.