News

Krisenmanagement: EHS fordert politisches Umdenken

Am 13. März 2020 wurden wegen der Corona-Pandemie Pflegeheime in Deutschland für Besucher geschlossen. Sechs Jahre später legt die Evangelische Heimstiftung (EHS) eine interne Evaluation ihr eigenen Krisenmanagements während der Corona-Pandemie vor und formuliert konkrete Erwartungen an die Enquete-Kommission des Bundestags.

Besuch_AdobeStock_ Ermolaev Alexandr _371560705
Foto: AdobeStock/Ermolaev_Alexandr

Genau sechs Jahre nach den flächendeckenden Besuchsverboten in deutschen Pflegeeinrichtungen hat die Evangelische Heimstiftung, nach eigenen Angaben das größte diakonische Pflegeunternehmen in Baden-Württemberg, ihr eigenes Krisenmanagement während der Corona-Pandemie aufgearbeitet. Laut dem Unternehmen sei die zentrale Erkenntnis, dass künftiger Schutz pflegebedürftiger Menschen stärker die Lebensqualität in den Blick nehmen müsse – und nicht allein auf Risikominimierung ausgerichtet sein dürfe. Zielkonflikte zwischen Infektionsschutz, Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe hätten das gesamte Krisenmanagement begleitet.

Die Evaluation fällt in eine Phase, in der sich auch die Bundespolitik mit der Pandemie-Aufarbeitung befasst. Die Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie“ soll der Bundesregierung laut Heimstiftung bis Sommer 2027 Empfehlungen für den Umgang mit künftigen Gesundheitskrisen vorlegen. CEO Elke Eckardt betont, dass die Erfahrungen von Pflegeunternehmen „aus erster Hand in die politische Arbeit einfließen“ müssten.

Sechs Forderungen an die Politik

Aus der internen Aufarbeitung leitet die Heimstiftung sechs Forderungen ab, die sie an die Enquete-Kommission und politische Entscheidungsträger richtet. Nicht alles liege in der Hand von Trägern und Einrichtungen, heißt es – es brauche verlässliche gesetzliche Regelungen.

An erster Stelle steht die Forderung, Pflegeunternehmen systematisch in die Arbeit der Enquete-Kommission einzubeziehen. Einrichtungen hätten unter hohem Druck politische Vorgaben umgesetzt und dabei erfahren, welche Maßnahmen tragfähig gewesen seien und welche unbeabsichtigte Folgen gehabt hätten. Nur durch eine strukturierte Beteiligung der Praxis könnten laut dem Unternehmen Lösungen entstehen, die sich im Ernstfall bewährten.

Zweitens fordert die Heimstiftung, Träger frühzeitig an der Auswahl von Schutzmaßnahmen zu beteiligen. Pauschale Vorgaben hätten während der Pandemie oft die Lebensrealität der Betroffenen verfehlt und zu Isolation sowie psychischer Belastung geführt. Schutz, Teilhabe und Lebensqualität müssten gegeneinander abgewogen werden, damit Maßnahmen verhältnismäßig blieben.

Mehr Handlungsspielraum vor Ort und ein differenziertes Altersbild

Die dritte Forderung zielt auf größere Handlungsspielräume für Einrichtungen. Zentrale Vorgaben hätten zwar Orientierung geboten, seien in der Praxis aber an Grenzen gestoßen – etwa wenn sie nicht zu örtlichen Bedingungen oder den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner gepasst hätten. Die Heimstiftung verlangt gesetzliche Rahmen, die Trägern mehr Verantwortung und Handlungssicherheit übertragen, beispielsweise bei Besuchsregelungen oder Teststrategien.

Viertens kritisiert das Unternehmen, dass Pflegebedürftige in der Pandemie pauschal als schutzbedürftig eingestuft worden seien, ohne den individuellen Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dies habe Altersdiskriminierung gefördert und Selbstbestimmung eingeschränkt. Künftige Strategien sollten laut Heimstiftung ein differenziertes Altersbild fördern, persönliche Ressourcen berücksichtigen und Maßnahmen regelmäßig an der Realität der Betroffenen ausrichten. Zudem sollten flächendeckende Angebote zur gesundheitlichen Versorgungsplanung politisch vorangetrieben werden.

Fürsprache, Ethikberatung und akademische Pflege

Die fünfte Forderung betrifft die Fürsprache für pflegebedürftige Menschen. Gerade diese Gruppe habe in der Pandemie besonders unter einschränkenden Maßnahmen gelitten. Für verhältnismäßige Schutzkonzepte sei eine systematische Beteiligung der Betroffenen selbst notwendig.

Sechstens mahnt die Heimstiftung den Ausbau professioneller Ethikberatung, der Palliativversorgung und der wissenschaftlichen Expertise in der Pflege an. Die Pandemie habe verdeutlicht, wie groß die ethischen Herausforderungen in Dilemma-Situationen seien. Die Politik müsse laut dem Unternehmen den Einsatz akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen fördern und deren Handlungsspielräume erweitern.

CEO Elke Eckardt formuliert den Anspruch, dass pflegebedürftige Menschen „in der nächsten Krise nicht erneut zum Spielball von Verordnungen werden“. Die Pflege brauche „den Mut zu Ausgewogenheit und Menschlichkeit – und die passenden politischen Weichenstellungen“. Die Heimstiftung bietet der Enquete-Kommission an, als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen und Praxiserfahrungen in die weitere Aufarbeitung einzubringen. Das Unternehmen betreut nach eigenen Angaben mit rund 11.350 Mitarbeitenden knapp 16.000 Menschen in 170 Einrichtungen in Baden-Württemberg.