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KDA: Einsamkeit ist ein unterschätztes Gesundheitsrisiko

Die Weltgesundheitsorganisation hat erstmals einen umfassenden Bericht über Einsamkeit und deren Auswirkungen veröffentlicht. Laut WHO macht Einsamkeit weltweit etwa 880.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Sowohl soziale Isolation als auch das Gefühl der Einsamkeit seien ein „unterschätzter Risikofaktor für Gesundheit und Wohlbefinden“, heißt es in dem Report.

Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA)
Alexia Zurkuhlen, Vorstandsvorsitzende KDA: "Das Thema Einsamkeit und seine Folgen wird in Deutschland über die Generationen hinweg noch unterschätzt." Foto: Jill Flug

Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorstandsvorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), bestätigt diese Einschätzung für Deutschland: „Das Thema Einsamkeit und seine Folgen wird in Deutschland über die Generationen hinweg noch unterschätzt.“ Während der Corona-Pandemie seien vor allem junge Menschen und ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen in den Fokus gerückt. Aktuelle deutsche Daten zeigen jedoch ein anderes Bild.

Menschen mittleren Alters stärker betroffen als Senioren

Eine Auswertung des Deutschen Alterssurveys durch das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums bringt überraschende Erkenntnisse. Etwa jede elfte befragte Person ab 43 Jahren fühlte sich „sehr einsam“. Dabei empfinden die ab 76-Jährigen durchschnittlich weniger Einsamkeit als die Gruppe der 43- bis 55-Jährigen.

„Dieses Ergebnis mag erst einmal überraschen, es muss uns aber alarmieren“, sagt Zurkuhlen. Neben Alter und Geschlecht spielt laut der Studie der sozio-ökonomische Status – gemessen an Einkommen und Erwerbsstatus – eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Einsamkeitsgefühlen.

Der Druck auf die sogenannte „Sandwich-Generation“ zwischen Kindererziehung, familiären Verpflichtungen, beruflichen Anforderungen und oft zusätzlicher Pflege von Angehörigen könne leicht zu einem Gefühl von „einsamem Funktionieren“ führen, erklärt die KDA-Vorständin. Besonders betroffen seien alleinerziehende Elternteile und Personen mit privater Pflegeverantwortung neben dem Beruf.

Erhebliche Gesundheitsrisiken belegt

Die WHO-Wissenschaftler haben für ihren Bericht weltweite Studien ausgewertet. Allein zu sein ist demnach mit einem etwa 30 Prozent erhöhten Risiko für einen vorzeitigen Tod verbunden, wobei die Daten hauptsächlich aus wohlhabenden Staaten stammen. Ebenfalls um bis zu 30 Prozent steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Besonders dramatisch sind die Auswirkungen auf die geistige Gesundheit: Die Gefahr eines kognitiven Abbaus im Alter erhöht sich bei Betroffenen um etwa 15 Prozent. Bei der Alzheimererkrankung kann die Wahrscheinlichkeit sogar um bis zu 70 Prozent ansteigen. Auch Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und psychischen Leiden wie Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen und Suizidalität sehen die Forscher als belegt an.

Präventive Maßnahmen gefordert

„Wir sollten frühzeitig gegensteuern und mit dem Thema viel offensiver umgehen“, fordert Zurkuhlen. Einsamkeit müsse auch in der Prävention stärker mitgedacht werden. Kontaktstellen wie Praxen, Apotheken, Gesundheits- und Sozialämter, lokale Beratungsstellen sowie Vereine sollten eingebunden werden.

Als konkreten Ansatz nennt die Expertin ehrenamtliches Engagement: „Ein guter Ansatz bietet sich etwa, wenn jemand Freude am ehrenamtlichen Engagement hat.“ Manchmal müsse man Menschen auf Möglichkeiten hinweisen und konkrete Zugangswege aufzeigen.

Zurkuhlen betont dabei eine wichtige Unterscheidung: Einsamkeit bedeute nicht Alleinsein. Einsamkeit beschreibe vielmehr ein individuelles Empfinden und Erleben. Während Alleinsein durchaus als Pause vom Alltagstrubel propagiert werde, unterliege Einsamkeit „weitgehend einem gesellschaftlichen Tabu“. „Dies müssen wir aufbrechen und offensiv sowie präventiv Einsamkeitsfallen angehen“, so die KDA-Vorständin. Das subjektive Erleben von Einsamkeit sei eine „existenzielle und schmerzvolle Erfahrung“ mit vielfältigen Auswirkungen auf Psyche, Körper und das Verhalten im sozialen Umfeld.