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Falsche Diagnose? Verband widerspricht gematik bei Ursachen von TI-Störungen

Der Bundesverband Gesundheits-IT kritisiert das am 19. Juni 2026 beschlossene Konzept zur Telematikinfrastruktur scharf. Statt Stabilität zu schaffen, drohe ein ordnungspolitischer Kurswechsel mit Folgen für Innovation, Investitionssicherheit und den eHealth-Standort Deutschland. Der Verband fordert ein Stufenmodell und klare Rollenverteilung.

Foto: AdobeStock/Gorodenkoff

Der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg e. V.) lehnt das von den Gesellschaftern der gematik GmbH am 19. Juni 2026 verabschiedete Papier „Konzept TI-Betriebsstabilität und Transformationsplan 2030″ ab. Laut Verband gehen die darin enthaltenen Pläne deutlich über die Behebung aktueller Betriebsprobleme hinaus und sehen eine weitreichende Zentralisierung von Beschaffung, Betrieb und Verantwortung bei der gematik vor.

Wechsel vom Zulassungs- zum Beauftragungsmodell

Im Kern beanstandet der bvitg den im Konzept formulierten Übergang von einem zulassungsbasierten zu einem beauftragungsbasierten Modell. Als ausdrückliches Ziel nenne das Papier eine „geringere Anzahl an TI-Teilnehmern und Produkten“. Damit übernehme die gematik nach Einschätzung des Verbands eine ordnungspolitisch problematische Doppelrolle als neutraler Rahmengeber und zentraler Auftraggeber zugleich. Eine einmalige Vergabe zentraler Plattformleistungen ohne Wettbewerb gefährde laut bvitg die Innovationsdynamik – denn Anwendungen und Dienste im Frontend könnten nur dann weiterentwickelt werden, wenn auch die zugrunde liegenden Plattformen und Schnittstellen kontinuierlich fortgeschrieben würden.

Falsche Ursachenanalyse für TI-Störungen

Der Verband widerspricht der im Konzept implizit unterstellten Diagnose, die Instabilität der Telematikinfrastruktur sei auf die Vielzahl der Anbieter zurückzuführen. Tatsächlich lägen die Ursachen laut bvitg in Defiziten der Governance, in unzureichender Qualität und Eindeutigkeit von Spezifikationen sowie in mangelnder Harmonisierung von Roadmaps. Ein erheblicher Teil der jüngsten Störungen sei auf zentrale institutionelle Dienste zurückzuführen – und damit gerade nicht auf Leistungen der Industrie.

Eine weitere Zentralisierung setze deshalb an der falschen Stelle an. Sie schaffe neue Abhängigkeiten und konzentriere kritische Funktionen bei einzelnen Akteuren, wodurch zusätzliche Single Points of Failure entstünden. Das Risiko großflächiger Ausfälle würde laut bvitg dadurch eher steigen als sinken.

Pfadabhängigkeit ab Q4 2026 befürchtet

Besondere Kritik äußert der Verband am Zeitplan: Das skizzierte Betreiber-Modell sehe eine Beauftragung zentraler Leistungen ohne wettbewerbliche Ausschreibung ab dem vierten Quartal 2026 vor. Dadurch entstünden nach Auffassung des bvitg schwer reversible Pfadabhängigkeiten bis mindestens 2030, bevor wesentliche Elemente der Zielarchitektur überhaupt praktisch erprobt seien.

Als sachgerechteren Weg schlägt der Verband ein Stufenmodell mit klar definierten Evaluations- und Entscheidungspunkten vor. Priorisiert werden sollte demnach die Migration erster zentraler Fachdienste wie des Versichertenstammdatenmanagements (VSDM) und des E-Rezepts auf die Zielarchitektur der TI 2.0, um belastbare Erfahrungen zu sammeln.

Fünf Forderungen an die Gesellschafter

Der bvitg formuliert konkret fünf Forderungen:

  • Keine Richtungsentscheidung auf Basis des vorliegenden Konzepts; wettbewerbliche Entwicklung müsse Standard bleiben, zentrale Beschaffung auf technisch zwingend erforderliche Komponenten beschränkt.
  • Keine Beauftragung ohne Wettbewerb; die Verdrängung wettbewerblich erbringbarer Leistungen sei auszuschließen.
  • Transparente Folgenabschätzung vor jeder Festlegung – mit Blick auf Wettbewerb, Innovation, Investitionen und Beschäftigung. Der Verband weist zudem darauf hin, dass erweiterte operative Aufgaben der gematik zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen erforderten und in Zeiten angespannter GKV-Finanzen die Beitragszahler zusätzlich belasten würden.
  • Klare Rollenverteilung: Die gematik solle sich auf ihre Kernaufgaben als Orchestrator, Standardisierer und Qualitätssicherer konzentrieren; die Industrie sei frühzeitig und systematisch einzubinden.
  • Erst Wirkung bestehender Maßnahmen evaluieren, dann neue Strukturentscheidungen treffen. Instabilitäten seien auch auf die veraltete TI 1.0 und fehlende Erfahrungen mit der TI 2.0 zurückzuführen.

Der Verband, dessen Mitgliedsunternehmen je nach Segment in bis zu 90 Prozent des ambulanten und stationären Sektors einschließlich Pflege- und Sozialeinrichtungen vertreten sind, betont abschließend, dass eine stabile TI nur im Schulterschluss zwischen einer fokussierten gematik und einer leistungsfähigen Gesundheits-IT-Branche gelingen könne. (ck)

Weitere Informationen unter www.bvitg.de