News

VirtualWard: Klinikversorgung im Pflegeheim

Krankenhausaufenthalte bedeuten für viele Pflegeheimbewohner enormen Stress. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt „VirtualWard“ möchte die Zeit in der Klinik auf ein Minimum reduzieren. Derzeit wird es in Hamburg sowie Hessen erprobt, u.a. im Cura Seniorenzentrum Langenhorn. Wie das in der Praxis funktioniert, erläutert Bastian Haase im Gespräch.

„Der Bewohner bleibt in seiner gewohnten Umgebung“, sagt Bastian Haase, Strategische Leitung zentrales Qualitätsmanagement/Dienstplanmanagement, CURA Seniorenwohn- und Pflegeheime Dienstleistungs GmbH. Foto: Cura

Herr Haase, viele körperlich und psychisch belastenden Krankenhaustage lassen sich mithilfe „virtueller Krankenhausstationen“ in den Pflegeeinrichtungen vermeiden. Das ist die Idee des Projekts „VirtualWard“. Nach der Erstversorgung in der Notaufnahme kehren Patient:innen in ihre Pflegeeinrichtung zurück und werden dort telemedizinisch vom Krankenhaus weiterbetreut. Können Sie unseren Leser:innen kurz erklären, was konkret gemacht wird?
Wir testen, ob wir Bewohnerinnen und Bewohner mit bestimmten, eher niederschwelligen Erkrankungen im Pflegeheim medizinisch so versorgen können, wie es sonst im Krankenhaus geschieht. Federführend ist Asklepios. Die Idee stammt ursprünglich aus England: Dort behandelt man Patienten mit klar definierten Krankheitsbildern außerhalb der Klinik, häufig zu Hause.

Ein typisches Beispiel ist eine Blasenentzündung. Bisher fährt der Bewohner ins Krankenhaus, bleibt dort zwei oder drei Tage für Infusionen, erlebt eine fremde Umgebung – und kommt oft in schlechterem Allgemeinzustand zurück. Im Projekt läuft es anders: Der Bewohner wird in der Notaufnahme untersucht und als „Virtual-Ward-Patient“ gekennzeichnet. Nach Diagnostik und Therapieentscheidung kommt er zurück in unsere Einrichtung – bleibt aber formal Patient des Krankenhauses.

Was heißt das konkret für die Versorgung?

Wir übernehmen im Auftrag des Asklepios Klinik Nord Heidberg die medizinische Versorgung. Der Bewohner liegt in seinem Zimmer, in seiner gewohnten Umgebung, ist aber offiziell Krankenhauspatient. Wir dokumentieren deshalb nicht in unserem Pflegesystem, sondern im Krankenhausdokumentationssystem „Doccla“. So vermeiden wir Doppeldokumentation.

Täglich findet eine ärztliche Visite per Telemedizin statt. Zusätzlich gibt es ein eigenes Virtual-Ward-Team von Asklepios mit drei Pflegefachkräften. Diese kommen in die Einrichtung und unterstützen uns vor Ort, etwa bei Tätigkeiten wie Blutentnahmen oder beim Anlegen von Infusionen.

TIPP: Mehr dazu auf dem Messekongress im Rahmen der ALTENPFLEGE am 22. April 2026. 

Die medizinische Versorgung in der Einrichtung übernehmen Ihre Pflegekräfte – angeleitet per Telemedizin durch das Krankenhauspersonal. Wie läuft eine solche Televisite ab?

Wir arbeiten mit einem Tablet. Blutdruckmanschette, Fieberthermometer, Stethoskop oder Otoskop sind per Bluetooth angebunden. Wir können auch ein kleines Zwei-Ableitungs-EKG schreiben. Der Arzt sieht die Werte direkt im System und spricht per Video mit dem Bewohner. Je nach Situation passt man das Setting an – etwa bei Menschen mit Demenz.

Der Arzt kann Anweisungen geben, wir setzen sie um und dokumentieren alles im Krankenhaus­system. Außerhalb der Visiten führen wir angeordnete Maßnahmen wie Vitalzeichenkontrollen selbstständig durch.

Wie viele Einrichtungen nehmen an dem Projekt teil?

In Hamburg sind es drei Einrichtungen: das Hospital zum Heiligen Geist, das Christophorushaus Diakoniestift Alt-Hamburg und unser Cura Seniorenzentrum Langenhorn. In Hessen beteiligen sich vier Einrichtungen mit der Asklepios Klinik Langen.

Wir tauschen uns monatlich digital aus. Das ist spannend, weil wir voneinander lernen. Auch die Klinik lernt unsere Perspektive in der stationären Langzeitpflege besser kennen. Man versteht Prozesse auf beiden Seiten heute deutlich besser.

Sie sind ja noch mitten im Projekt, aber wie würden Sie Ihre ersten Erfahrungen zusammenfassen? Wie reagieren Mitarbeitende und Angehörige?

Aktuell haben wir knapp 96 Bewohner, von denen sind 90 Prozent bei teilnehmenden gesetzlichen Kassen versichert. Entscheidend ist zusätzlich eine Einwilligungserklärung, diese liegt erst für rund 30 Prozent der Bewohner vor; wir arbeiten daran, diese Quote zu erhöhen. Die Aufklärung von Berufsbetreuern ist etwas aufwändiger, die Angehörigen und Bewohner selbst reagieren sehr positiv auf das Projekt. Angehörige sehen den großen Vorteil: Der Bewohner bleibt in vertrauter Umgebung. Viele berichten, dass ihre Angehörigen nach klassischen Klinikaufenthalten kognitiv und körperlich schlechter zurückkamen. Das Projekt stößt daher auf hohe Zustimmung.

Unsere Mitarbeitenden standen von Anfang an geschlossen hinter dem Projekt, sie finden es spannend und attraktiv. Wir haben umfassend geschult – von Blutentnahme über Infusionstherapie bis zur Dokumentation im Krankenhaus­system. Asklepios hat uns eng begleitet. Es gab sogar die Möglichkeit, in der Notaufnahme zu hospitieren. Und für beide Sektoren – Klinik und Langzeitpflege – entsteht ein neues Verständnis füreinander. Genau das macht VirtualWard für uns so wertvoll.

Interview: Susanne El-Nawab

Mehr zum Thema berichten Bastian Haase und Jana Förste, COO CURA Seniorenwohn- und Pflegeheime Dienstleistungs GmbH, auf dem Messekongress im Rahmen der ALTENPFLEGE am 22. April 2026.