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Wohlfahrtsverbände: Jede fünfte Einrichtung musste Angebote komplett einstellen

Die finanzielle Lage sozialer Einrichtungen in Deutschland hat sich laut einer aktuellen Umfrage der Freien Wohlfahrtspflege weiter zugespitzt. Die sechs Spitzenverbände warnen vor einer schleichenden Erosion der sozialen Infrastruktur – mit Folgen für Millionen Hilfsbedürftige und das ehrenamtliche Engagement.

Seniorin im Rollstuhl schaut aus dem Fenster
Foto: AdobeStock/didesign

Die Zahlen sind deutlich: 82 Prozent der befragten Einrichtungen und Dienste rechnen damit, dass sie künftig weitere Angebote und Leistungen zurückfahren müssen. Wegen Kostensteigerungen oder Kürzungen von Förderungen hätten 20 Prozent der befragten Verbände Angebote einstellen müssen, noch einmal 45 Prozent hätten kürzen müssen. Das geht aus einer Mitteilung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW).

Lage hat sich seit 2024 weiter verschärft

Bereits in den vergangenen zwei Jahren musste ein großer Teil der Einrichtungen auf Kostensteigerungen und Kürzungen reagieren. Laut der Umfrage gaben mehr als zwei Drittel der Befragten an, Angebote in diesem Zeitraum eingeschränkt oder ganz eingestellt zu haben. Besonders alarmierend: Der Anteil der Einrichtungen, die Angebote vollständig aufgeben mussten, stieg im Vergleich zu einer Erhebung Mitte 2024 von 14,7 Prozent auf nunmehr 20 Prozent. Das heißt, jede fünfte befragte Einrichtung hat mindestens ein Angebot komplett gestrichen.

Die regionalen Auswirkungen sind laut den Ergebnissen bereits spürbar. Mehr als 60 Prozent der Einrichtungen bewerten das soziale Angebot in ihrer Region als nicht ausreichend (10 Prozent) oder nur teilweise ausreichend (51 Prozent). Nur eine Minderheit sieht die Versorgung vor Ort als gesichert an.

Ehrenamtliches Engagement droht mitzuschrumpfen

Die Wohlfahrtsverbände weisen auf einen Dominoeffekt hin, der über die unmittelbare Versorgung hinausgeht: Viele der betroffenen Einrichtungen dienen als Anlaufstellen für freiwilliges Engagement. Laut der Umfrage gehen mehr als zwei Drittel der Befragten davon aus, dass der Wegfall sozialer Angebote auch die Möglichkeiten für ehrenamtliche Tätigkeit verringern wird. Damit stehe nicht nur die professionelle Hilfe auf dem Spiel, sondern auch das zivilgesellschaftliche Fundament, das auf diesen Strukturen aufbaut, so die Verbände.

Verbände fordern stabile Finanzierung vor Haushaltsverhandlungen

Die Veröffentlichung der Umfrageergebnisse fällt in eine Phase, in der auf Bundesebene sowohl über eine Reform des Sozialstaats als auch über die Haushalte der kommenden Jahre verhandelt wird. BAGFW-Präsident Achim Meyer auf der Heyde richtete sich mit Blick auf diese Debatten direkt an die Politik: „Wenn soziale Angebote wegfallen, verlieren nicht nur die Menschen in schwierigen Lebenssituationen wichtige Unterstützung – wir verlieren auch Orte, an denen Solidarität, Vertrauen und Mitwirkung wachsen.“ Ein Sozialstaat könne nur dann modernisiert werden, wenn seine soziale Infrastruktur stabil bleibe und nicht schrittweise erodiere, so Meyer auf der Heyde.

Die sechs Spitzenverbände formulieren drei zentrale Forderungen: Eine nachhaltige Sozialstaatsreform müsse erstens eine stabile Finanzierung sozialer Dienste sicherstellen, zweitens die Freie Wohlfahrtspflege als verlässlichen Partner anerkennen und drittens den gesellschaftlichen Zusammenhalt als Kernziel verankern. Ohne diese Voraussetzungen seien weder gesellschaftliche Teilhabe noch sozialer Zusammenhalt dauerhaft zu gewährleisten, warnen die Verbände.

An der teilstandardisierten Online-Befragung, die zwischen Ende November 2025 und Ende Januar 2026 durchgeführt wurde, nahmen 3.596 Einrichtungen und Dienste teil. Die Umfrage wurde über Verteiler und Newsletter der beteiligten Wohlfahrtsverbände sowie über soziale Medien verbreitet; die Teilnahme war anonym und freiwillig. Hinter der Umfrage stehen die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege: der AWO Bundesverband, der Deutsche Caritasverband, der Paritätische Gesamtverband, das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie Deutschland und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Zusammen betreiben sie nach eigenen Angaben rund 120.000 Einrichtungen und Dienste in Deutschland.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Umfragen finden Sie hier