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Pflegeexpertin fordert Abschaffung der Pflegeversicherung in bisheriger Form

Die Eigenanteile für Pflegeheimplätze erreichen Rekordwerte – die Pflegewissenschaftlerin und Ostfalia-Professorin Martina Hasseler sieht die Ursache im System selbst und verlangt grundlegende Reformen.

Pflegeexpertin Martina Hasseler spricht von einem „System der Kostenabwehr", bei dem Kosten permanent auf andere Akteure abgewälzt würden. Foto: Ostfalia/Philipp Ziebart

Laut einer aktuellen AOK-Studie sind die Pflegeheimkosten in Deutschland auf ein Rekordniveau gestiegen. In Niedersachsen liegt der monatliche Eigenanteil mittlerweile bei durchschnittlich 2.903 Euro – allein im vergangenen Halbjahr ein Plus von 112 Euro. In Bremen, dem Saarland und Nordrhein-Westfalen übersteigt der Eigenanteil sogar 3.500 Euro.

Für die Pflegewissenschaftlerin Prof. Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg ist die Entwicklung keine Überraschung, sondern Folge eines grundlegend verfehlten Systems. Die Expertin, die unter anderem Mitglied der von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingesetzten Kommission zur Krankenhausreform war, fordert laut der Braunschweiger Zeitung die Abschaffung der Pflegeversicherung in ihrer jetzigen Ausrichtung.

Die 1995 eingeführte Versicherung habe ihr ursprüngliches Ziel verfehlt, Pflegebedürftige vor Sozialhilfeabhängigkeit zu schützen, so Hasseler. Obwohl das System zu etwa 80 Prozent aus Eigenleistungen finanziert werde, sei es chronisch unterfinanziert. Die Professorin spricht von einem „System der Kostenabwehr“, bei dem Kosten permanent auf andere Akteure abgewälzt würden.

Besonders kritisiert Hasseler die strukturelle Benachteiligung von Frauen. In großer Mehrheit seien es Frauen, die ihre Berufstätigkeit aufgeben oder reduzieren müssten, um Angehörige zu pflegen. „Implizit eingepreist war: Eine Frau bleibt zu Hause“, erklärt die Wissenschaftlerin gegenüber der Zeitung. Zudem habe man bei Einführung der Versicherung fälschlich angenommen, dass die Mehrheit der Menschen im Alter über Wohneigentum verfüge – tatsächlich treffe dies nur auf etwa 40 Prozent zu.

Die Pflegewissenschaftlerin warnt vor wachsenden Belastungen für die Kommunen. Steige die Kostenspirale weiter, würden immer mehr Menschen auf Sozialhilfeleistungen angewiesen sein. Sie kritisiert eine „Verantwortungsdiffusion“ zwischen Pflegekassen und Bundesländern und appelliert an beide, ihrem gesetzlichen Auftrag stärker nachzukommen.

Der Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen fordert, dass das Land Investitionskosten für Gebäude und Ausbildung übernehmen solle – dies würde Pflegebedürftige um mehr als 600 Euro monatlich entlasten. Der Arbeitgeberverband Pflege mahnt mehr Innovationen und flexibleren Personaleinsatz an.

Hasseler selbst setzt auf verstärkte interprofessionelle Zusammenarbeit und kritisiert das „Kirchturmdenken“ der Akteure. Insbesondere die Ärzteschaft müsse Pflegekräften mehr Kompetenzen einräumen.