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Pflegekräfte aus Drittstaaten kämpfen mit Diskriminierung und bürokratischen Hürden

Deutschland setzt angesichts des demografischen Wandels verstärkt auf die Anwerbung internationaler Pflegekräfte. Laut dem DeZIM-Institut waren 2024 bereits über 300.000 zugewanderte Pflegekräfte in Deutschland beschäftigt – fast viermal so viele wie 2013. Eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) beleuchtet nun erstmals umfassend die Lebenssituation dieser Fachkräfte am Beispiel Baden-Württembergs.

Wie kommen Pflegekräfte aus Drittstaaten in Deutschland an, welche Bedingungen fördern ihre soziale Integration? Foto: Adobe Stock/pressmaster

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat 16 Expert*innen-Interviews mit Personen aus Pflegeinstitutionen sowie mit lokalen Akteur*innen im Bereich Integration geführt, zwei Fokusgruppen mit Auszubilden-den sowie eine Online-Umfrage durchgeführt und ausgewertet. An der Online-Umfrage haben 232 zugewanderte Pflegekräfte in Baden-Württemberg teilgenommen. Das Hauptergebnis: Die meisten fühlen sich grundsätzlich willkommen, doch es bestehen erhebliche strukturelle Defizite bei der Integration.

Diskriminierung bleibt Alltagserfahrung

Besonders alarmierend: 44 Prozent der Befragten berichten von Diskriminierung am Arbeitsplatz, 40 Prozent im öffentlichen Raum und über ein Viertel bei Behördenkontakten.
Trotzdem unternehmen zwei Drittel der Betroffenen keine Schritte dagegen – nur 7 Prozent melden Vorfälle an den Arbeitgeber.

In ländlichen Gebieten und Kleinstädten treten Diskriminierungen im öffentlichen Raum häufiger auf als in Großstädten. Beratungsstellen sind weitgehend unbekannt; 20 Prozent machten dazu gar keine Angaben.

Qualifikations-Mismatch: Nur jede zweite Kraft arbeitet ihrem Können entsprechend

Ein weiteres Kernproblem: Nur 52 Prozent der Befragten werden gemäß ihrer Qualifikation eingesetzt, 25 Prozent empfinden ihre Fähigkeiten als ungenutzt. Viele berichten von Überlastung und fehlender Einarbeitung.

Pflegekräfte, die in passenden Positionen arbeiten, leben im Schnitt fünf Jahre länger in Deutschland als jene mit starkem Mismatch – ein Hinweis auf längere Eingewöhnungszeiten.
Wertschätzung wirkt zudem entscheidend: Wer sich „voll und ganz wertgeschätzt“ fühlt, würde den Beruf in Deutschland zu 75 Prozent weiterempfehlen. Ohne Wertschätzung sinkt diese Quote drastisch.

Sprachbarrieren, Bürokratie und Visumsabhängigkeit

65 Prozent nennen Sprachbarrieren als größte Hürde, gefolgt von Wohnungssuche (44 Prozent). Bürokratie ist ein weiteres Problem: 32 Prozent klagen über lange Visum-Wartezeiten, 25 Prozent über Schwierigkeiten bei der Qualifikationsanerkennung.

Knapp ein Viertel empfindet aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten als große Belastung. 80 Prozent der Befragten haben einen Aufenthaltstitel, der an den Beruf gebunden ist; 75 Prozent davon nur befristet.
Eine Teilnehmerin sagte: „Die wissen, wir brauchen die Arbeit für das Visum.“
Diese Abhängigkeit führt dazu, dass Konflikte am Arbeitsplatz oft vermieden werden – aus Angst vor Konsequenzen.

Familie und Rückhalt: Pflegearbeit über Grenzen hinweg

76 Prozent der Befragten haben enge Familienangehörige im Ausland, 56 Prozent unterstützen Angehörige finanziell. Bei 20 Personen leben Ehe- oder Lebenspartner im Ausland, bei 14 Personen die eigenen Kinder.
Die Forscher betonen: Pflegearbeit im Migrationskontext stärke nicht nur das deutsche Gesundheitssystem, sondern sichere zugleich Familien im Herkunftsland ab. Der Familiennachzug ist zentral für langfristige Bleibeperspektiven.

Beratungsangebote bekannt – aber kaum vernetzt

Trotz der Schwierigkeiten nutzen viele die bestehenden Unterstützungsstrukturen: 65 Prozent hatten bereits Kontakt zu Beratungsstellen, 38 Prozent zur Migrationsberatung und 31 Prozent zur Anerkennungsberatung.
Kritikpunkt der Forscher: mangelnde Koordination. Oft seien Zuständigkeiten unklar und kommunale Angebote schlecht vernetzt. Es fehle an systematischer Steuerung und langfristig gesicherten Ressourcen.

Wohnen: Bevorzugt kleinere Städte, Mieten bleiben Problem

Fast die Hälfte der Pflegekräfte bevorzugt kleine oder mittelgroße Städte. 23 Prozent zieht es in Großstädte, 12 Prozent aufs Land.
Wichtige Faktoren bei der Wohnortwahl sind:

  • ÖPNV-Anbindung (74 Prozent)
  • Nähe zum Arbeitsplatz (66 Prozent)
  • bezahlbare Mieten (65 Prozent)

Doch 45 Prozent halten die Mieten am aktuellen Wohnort für zu hoch. Im ländlichen Raum kommt mangelnder öffentlicher Verkehr als Problem hinzu.

Bleibeperspektiven: Zwischen Zufriedenheit und Unsicherheit

65 Prozent planen innerhalb eines Jahres keinen Umzug, doch langfristig herrscht Unsicherheit: Nur 47 Prozent wollen in den nächsten fünf Jahren in Deutschland bleiben, 43 Prozent sind unentschlossen.

Die Studie zeigt: Je höher Lebenszufriedenheit, Selbstwirksamkeit und Wertschätzung im Job, desto geringer die Abwanderungsneigung. Auch rechtliche Sicherheit und Familiennachzug fördern eine stabile Bleibeperspektive.

Hier ist die Studie als Download.