Finanzierung
Zahlungsmoral der Kostenträger: „Es hat sich nichts verbessert“
Der wirtschaftliche Druck auf die Einrichtungen ist nach wie vor riesig. Was jetzt in der Zusammenarbeit mit den Kostenträgern wichtig ist, erläutert Oliver Radermacher im Interview.
Herr Radermacher, schon seit einiger Zeit weisen Sie und andere Branchenexperten auf die fehlende Zahlungsmoral der Kostenträger hin, die immer mehr Einrichtungen wirtschaftlich unter Druck geraten lässt. Wie sieht die Situation jetzt aus? Hat sich die Lage verbessert?
Nein, die Lage hat sich nicht gebessert aus meiner Sicht. Im Gegenteil: Es herrscht noch weitere Verwirrung. Dr. Martin Schölkopf (Leiter der Abteilung Pflegeversicherung und Stärkung beim Bundesgesundheitsministerium) hat in einem Interview mit care konkret gesagt, dass die Betreiber Druck ausüben sollen. Denn nach Auskunft der kommunalen Spitzenverbände, in NRW etwa der Landkreistag, könne Sozialhilfe pauschal vorfinanziert werden. Eine solche Neuerung ist uns aber in unserer zuständigen Kommune nicht bekannt. Dort erhielt ich die Auskunft, dass die Prüfung des Antrags auf darlehensweise Gewährung von Sozialhilfe genauso umfangreich und langwierig ist wie der eigentliche Antrag auf Sozialhilfe. Es besteht also ein Unterschied zwischen darlehensweise Gewährung und pauschaler Vorfinanzierung, den es zu klären gilt.
Wir wissen um den Fachkräftemangel in den Sozialämtern. Der von Herrn Dr. Schölkopf empfohlene Weg, die Kommunalaufsichten anzusprechen, wird allerdings keine zusätzlichen Mitarbeiter in die Sozialämter bringen.
Veranstaltungstipp:
Am 15. August findet die Altenheim Digital-Konferenz „Stark durch die Krise“ statt. Oliver Radermacher wird dabei auf die Thematik der Zahlungsmoral der Kostenträger eingehen und praxisnahe Lösungsansätze vorstellen.
Digital-Konferenz am 15.8. „Stark durch die Krise“ – Infos und Anmeldung
Welche Probleme treten bei der Refinanzierung und der Bearbeitung von Sozialhilfeanträgen am häufigsten auf? Welche Verbesserungen würden Sie sich hier von den zuständigen Behörden wünschen?
Das Grundproblem ist der Personalmangel und die damit verbundene Arbeitsbelastung. Ebenso problematisch sind die bürokratischen Anforderungen. Der Antrag auf Sozialhilfe ist in unserer Kommune ein 13-seitiges Dokument. Schon die ersten sechs Seiten sind für viele eine große Herausforderung. Zeit für persönliche Vorsprachen ist oft knapp, weshalb man auf schnelle Antworten auf schriftliche Rückfragen angewiesen ist. Zudem müssen dem Antrag zahlreiche Anlagen beigefügt werden, die teilweise erst bei Banken oder Grundbuchämtern angefordert werden müssen, was zusätzliche Zeit kostet. Jede Rückfrage des Sozialamtes muss beantwortet werden. Es ist wie ein lang dauernder Ballwechsel beim Tennis. Es geht hin und her.
Sozialhilfe darf nicht auf Zuruf gewährt werden. Es ist richtig, dass bestimmte Vorgaben eingehalten werden müssen, aber diese Vorgaben müssen von den Antragsstellern auch verstanden werden. Hier besteht ein großer Bedarf an Aufklärung und zeitnaher Unterstützung. Je vollständiger der Antrag eingereicht wird, desto einfacher und schneller kann die Sozialhilfe bewilligt werden.
Mittelfristig sollte überlegt werden, wie umfangreich die Prüfungen sein müssen und ob bestimmte Daten digital abgerufen werden können. Kurzfristig würde die Klarstellung einer pauschalen Abschlagszahlung enorm helfen, verbunden mit einer digitalen Plattform für die Sozialhilfegewährung, die den Antragssteller Schritt für Schritt durch den Antrag führt, mit klaren FAQ und Beispielen für erforderliche Unterlagen.
Sie erwähnen praxisnahe Lösungsansätze und eine intakte Gesprächsbasis mit den Kostenträgern. Können Sie einige erfolgreiche Beispiele aus Ihrer Erfahrung nennen und erläutern, wie diese Ansätze die aktuellen Herausforderungen im Betrieb bewältigen?
Es war schon immer einfacher, verschiedene Akteure – in unserem Fall Aufsichtsbehörde, Betreiber und Sozialhilfeträger – an einen Tisch zu bringen, wenn sie das gleiche Ziel verfolgen. Das Ziel ist eine qualitätsvolle Pflege und Betreuung von Pflegebedürftigen, und dieses Ziel bildet die Basis für konstruktive Gespräche über aktuelle Herausforderungen.
Mit einigen Betreiberkollegen konnten wir in unserer Kommune bereits darauf aufmerksam machen, wie unsicher die Versorgung der Bürger in der Zukunft ist. Dies führte zu Gesprächsanfragen mit Parteivertretern und Senioreninteressenvertretungen.
Wir konnten so den Austausch mit dem Dezernenten und der Amtsleiterin, die für die Sozialhilfegewährung zuständig sind, ermöglichen. Doch wenn bestehende Möglichkeiten, wie die pauschale Vorfinanzierung, nicht von übergeordneten Stellen klar kommuniziert werden, stoßen wir trotz großer Bemühungen momentan auf Widerstand.
Unser nächster Schritt ist nun, den für uns zuständigen kommunalen Spitzenverband anzusprechen. Nach der Aussage von Herrn Dr. Schölkopf muss dort eine Lösung für diesen wichtigen Bereich bekannt sein. In der bevorstehenden Online-Veranstaltung kann ich vielleicht schon etwas Aktuelles berichten.
Interview: Steve Schrader
Veranstaltungstipp:
Am 15. August findet die Altenheim Digital-Konferenz „Stark durch die Krise“ statt. Oliver Radermacher wird dabei auf die Thematik der Zahlungsmoral der Kostenträger eingehen und praxisnahe Lösungsansätze vorstellen.
Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung finden Sie hier
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren