News
Medizinethiker: Roboter sind noch kein Gamechanger in der Pflege
Soziale Roboter werden die Personalprobleme in der stationären Altenpflege auf absehbare Zeit nicht lösen. Zu diesem Schluss kommt der Potsdamer Medizinethiker Robert Ranisch, der nach eigenen Angaben eine Leitlinie zur Robotik in der Altenpflege für das Bundesgesundheitsministerium erarbeitet hat. Erste Praxiseinsätze wie im Seniorenpflegeheim Sonnenhof in Ilfeld zeigen dennoch Effekte auf die Lebensqualität einzelner Bewohner.
Die derzeit verfügbaren sozialen Roboter steckten „alle noch in den Kinderschuhen“, sagt Ranisch, der selbst mit mehreren Systemen im Labor experimentiert. „Sie werden keine Pflegeeinrichtung finden, in der Roboter gegenwärtig ein Gamechanger sind – weder in Deutschland noch im Ausland.“ Zwar seien Assistenten mit integrierten großen Sprachmodellen deutlich leistungsfähiger als Vorgängermodelle wie die Therapierobbe „Paro“ oder der humanoide Roboter „Pepper“. Eine echte Entlastung für das Pflegepersonal brächten sie aber bislang nicht.
Keine Entlastung für Pflegepersonal
„Wenn sie solche Systeme haben, funktionieren die in aller Regel nur, wenn sie Menschen daneben stellen“, erläutert Ranisch. Hinzu kämen praktische Hürden wie die Notwendigkeit eines stabilen WLAN. Auch die Anschaffungskosten sind hoch: Der Sonnenhof wendete nach eigenen Angaben mit Hilfe von Sponsoren mehr als 33.300 Euro für sein System auf.
Positive Effekte und ethische Bedenken
Dennoch sieht er durchaus positive Effekte auf die Lebensqualität einzelner Bewohner: Unterhaltung, Gesellschaft und ein Gegenüber – gerade für Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Ranisch verweist aber auch auf Risiken. Soziale Roboter seien darauf ausgelegt, Menschen zu bestärken und zu schmeicheln, nicht zu widersprechen. „Diese Systeme sind einfach nicht darauf programmiert, dass sie kritisch sind, und das kann für manche Personen problematisch sein.“ Besonders bei Menschen mit Demenz bestehe die Gefahr, dass die Grenze zwischen einem Gespräch mit einem Roboter und einem echten Menschen verschwimme.
Praxiseinsatz im Sonnenhof Ilfeld
Im Seniorenpflegeheim Sonnenhof im Südharz ist seit April der KI-gestützte Empathieroboter „Paul“ im Einsatz, entwickelt vom Münchner Start-up navel robotics. Nach Angaben von Gründer Claude Toussaint wurden seit Ende 2023 rund 130 Navels ausgeliefert, davon etwa 90 in deutsche Pflegeeinrichtungen.
Heimleiterin Kerstin Jülich beschreibt die Reaktion im Haus mit den Worten: „Wir waren schockverliebt.“ Der Roboter mit Kulleraugen und blauer Strickmütze wirke „wie ein Kind, das erzeugt Vertrauen“. Nach ihren Angaben rezitiert „Paul“ Gedichte, erzählt Witze und leitet Tierquizze an, ist nie gestresst und bleibt in jeder Situation höflich. Als Ergänzung sei er willkommen, betont Jülich: „Wir haben genug Personal. Er kann kein Personal ersetzen, und das soll er auch nicht. Einen Roboter, der Pflegeaufgaben übernimmt, können wir uns absolut nicht vorstellen und das wollen wir auch nicht. Dann geht die Menschlichkeit verloren.“
Wissenschaftlich begleitet wird der Einsatz von Andrea Kenkmann, Vertretungsprofessorin für soziale Gerontologie an der Hochschule Nordhausen. Sie rechnet damit, dass solche Systeme angesichts des Fachkräftemangels langfristig zunehmen: „Die Frage wird künftig nicht mehr sein, ob ein Mensch oder ein Roboter mit den Bewohnern spricht, sondern ob der Roboter spricht oder überhaupt keiner.
(ck/dpa)
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren