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Finsoz – Dietmar Wolff: Digitalisierungskompetenz ausbauen
Die Chancen der TI unterstreicht auch der Digitalverband FINSOZ. Im Interview unterstreicht Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dietmar Wolff, dass es nun darauf ankomme, dass alle Netzwerkpartner ihre Kompetenzen in der Anwendung digitaler Technologien kontinuierlich weiter ausbauen. Um die Chancen der TI in der Praxis nutzbar zu machen.
Welche Stakeholder verzögern Ihrem Empfinden nach derzeit noch den Prozess der Digitalisierung im Gesundheits- und Pflegewesen?
Die Pflege ist es nicht. Hier erleben wir eine hohe Aufgeschlossenheit für die Nutzung neuer Technologien der Digitalisierung. Das gilt insbesondere für die Führungskräfte, die an vielen Orten verstanden haben, dass die aktuelle fatale Situation aus hoher Nachfrage nach Pflege bei gleichzeitigem Fachkräftemangel nur durch einen Mix aus mehr Fachkräften (mehr Ausbildung, aber auch ausländische Pflegekräfte), effizientere Prozesse (u.a. durch konsequente Umsetzung des Personalbemessungsgesetzes) sowie die Digitalisierung gelöst werden kann. Allerdings möchte ich nicht leugnen, dass es bei Pflegekräften oft noch an der Digitalisierungskompetenz mangelt, da Kompetenzen wie z.B. Prozessverständnis, assistive Technologien oder Datenverständnis und -nutzung kaum Gegenstand der Aus- und Weiterbildung in der Pflege sind. Mangelende eigene Kompetenz führt zu Ängsten und damit einer unterbewussten Ablehnung von Veränderungen.
Wie sieht es diesbezüglich bei der Ärzteschaft aus – einer der wichtigsten digitalen Kommunikationspartner der Pflege in der TI?
Auf Seiten der Ärztinnen und Ärzte sehe ich nach wie vor ein großes Problem. Ich möchte dabei weniger die gewisse Verweigerungshaltung, ggf. verursacht aufgrund eines gewissen Rollenverständnisses oder drohender Transparenz, ansprechen, als vielmehr die Herausforderungen, vor welchen die Ärzte und Ärztinnen durch die erforderliche Umstellung ihrer Prozesse und die Modernisierung ihrer Praxissoftware oder Arztinformationssysteme gestellt werden. Solche Themen sind auch bei Ärzten und Ärztinnen nicht Gegenstand der Ausbildung und nicht grundsätzlich Element des Berufsbildes. Hier braucht es spezielle Berufsbilder, die sich in Praxen um diese Themen kümmern. Etwas optimistischer bin ich bei den Krankenhäusern, sicherlich getrieben durch die dort über das Krankenhauszukunftsgesetz zur Verfügung stehenden Mittel, aber auch durch die in diesen meist größeren Unternehmensstrukturen verfügbaren personellen Ressourcen (sowohl hinsichtlich Menge, aber insbesondere auch Knowhow). Bei den Apothekern und Apothekerinnen erlebe ich zwei Lager, was auch stark (wie ggf. auch bei den Ärzten und Ärztinnen) mit dem gerade einsetzenden Generationenwechsel zu tun hat. Während viele ältere Betreibende sich nicht mehr mit den neuen Technologien beschäftigen wollen, rüsten jüngere Apotheker und Apothekerinnen ihre Betriebe konsequent mit der erforderlichen IT-Infrastruktur auf.
Digitalisierung in Deutschland ist – im Vergleich etwa mit skandinavischen oder baltischen Staaten – grundsätzlich noch ein Thema mit viel Nachholbedarf. Welche dieser infrastrukturellen Digitalisierungslücken bremsen auch nach wie vor die Pflegedigitalisierung aus?
Ich sehe an der Stelle vier Aspekte. Auf das Thema Digitalisierungskompetenz bin ich ja bereits oben eingegangen. Diese muss zwingend zum Bestandteil aller Ausbildungen und Studiengänge werden. Aber auch die grundsätzliche Digitalkompetenz der Bevölkerung muss verbessert werden. Und wir können bei der Realisierung nicht mehr darauf warten, auch noch für die letzten 0,1 Prozent den Papierweg aufrecht zu erhalten. Zweitens ist die nach wie vor nicht ausreichende Bandbreite zum Internet zu nennen, die uns insbesondere bei mobilen Lösungen ausbremst. Hier muss die Politik endlich auch Druck auf die Mobilfunkanbieter ausüben (Stichwort verpflichtendes Roaming). Drittens bremst uns gerade in Deutschland immer wieder der Datenschutz. Wenn man neue digitale Prozesse gestalten möchte, dauert es meist nicht lange, bis die Datenschützer sich auf den Plan gerufen fühlen – mit meist widersprüchlichen Stellungnahmen. Ich votiere dabei aber nicht für eine Abschwächung des Datenschutzes, sondern wir müssen im Kopf umdenken, mehr die Gestaltungsfreiräume weit ausnutzen als die Verbote sehen. Den vierten Aspekt würde ich mal als „schlechtes Projektmanagement“ und dadurch mangelhafte Standardisierung bezeichnen. Dabei geht es nicht um die handelnden Personen, sondern um das Grundkonstrukt, bedingt durch unser föderales System.
Welche Fortschritte in der Pflegedigitalisierung sehen Sie trotz aller Hürden?
Das ist für mich ganz klar die TI-Anbindung. Hier machen wir kleine, aber spürbare Fortschritte. Aber auch die Vereinfachung der Dokumentation durch Spracheingabe greift immer mehr um sich und erleichtert der Pflege die tägliche Arbeit. Ich gehe auch davon aus, dass in naher Zukunft erste KI-basierte Funktionen in die Finanz-, Personal- und Pflegesoftwaresysteme wandern werden, die dann die Überwachung von Risiken und ggf. auch Analysen und Planungen unterstützen werden. Und grundsätzlich beschäftigen sich immer mehr Einrichtungen mit einer Digitalisierungsstrategie, gehen das Thema also strategisch strukturiert an und identifizieren dabei die Potentiale und Hindernisse.
Interview: Darren Klingbeil
Info: Prof. Dr. Dietmar Wolff ist Vorstandsmitglied des Digitalverbandes FINSOZ, ein bundesweit agierender, gemeinnütziger Digitalverband für die Sozialwirtschaft mit über 220 Mitgliedsunternehmen und Sitz in Berlin.
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