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bpa – Sven Wolfgram: „Eine klassische Win-win-Situation“
Die Anbindung der Pflege an die Telematikinfrastruktur sei eine klassische Win-win-Situation für alle Beteiligten, sagt Sven Wolfgram, Geschäftsbereichsleiter Ambulante Versorgung des Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), im Interview. Die IT-Dienstleistungsunternehmen sieht er angesichts des Stichtages 1.Juli 2025 aktuell vor „einer gewaltigen Aufgabe stehen, um mehr als 30.000 Pflegeeinrichtungen mit allen notwendigen Komponenten auszustatten und so zu schulen, dass diese die entsprechenden Anwendungen umsetzen können“.
In absehbarer Zeit sollen Pflegeeinrichtungen verpflichtend an die Telematikinfrastruktur angebunden sein. Stichtag ist der 1. Juli 2025. Wie wahrscheinlich ist es, Stand heute (September 2024), dass dieses Ziel in rund 9 Monaten erreicht werden kann?
Sven Wolfgram: Auf den ersten Blick scheint noch ausreichend Zeit zu sein, bis die verpflichtende Anbindung am 01. Juli 2025 greift. Betrachtet man allerdings, dass im Pflegebereich bislang nur wenige hundert Pflegeeinrichtungen die Voraussetzungen für die Einbindung geschaffen haben, ist absehbar, dass die Dienstleistungsunternehmen vor einer gewaltigen Aufgabe stehen, um mehr als 30.000 Pflegeeinrichtungen mit allen notwendigen Komponenten auszustatten und so zu schulen, dass diese die entsprechenden Anwendungen umsetzen können. Wir raten unseren Mitgliedern deshalb, sich nun sehr schnell mit dem Thema der Anbindung vertraut zu machen und haben mit verschiedenen Dienstleistungsunternehmen zielgerichtet Angebote für sie entwickelt. Vermutlich wird es trotzdem zeitlich knapp, denn allein die Beantragung des elektronischen Heilberufsausweises (eHBA) und des Institutionsausweises (SMC-B Karte) werden mehrere Monate in Anspruch nehmen und die Auftragsbücher vieler Techniker dürften schnell sehr gut gefüllt sein.
Welche Vorteile hätte es für Leistungserbringer, Kostenträger und KlientInnen, wenn die Anbindung der Pflege erreicht würde und die TI/Pflegedigitalisierung künftig nach und nach ausgebaut würde?
Die Anbindung an die TI und damit verbundene Nutzung entsprechender Anwendungen ist eine klassische Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Leitungserbringer profitieren von effizienteren Prozessen und können so hoffentlich einiges vom dramatisch gewachsenem Verwaltungsaufwand zurückfahren. Beispielsweise soll nach Anbindung in die TI die Möglichkeit der elektronischen Abrechnung via KIM geschaffen werden, auf die die Pflegedienste so viele Jahre warten mussten. Viele Kommunikationsprozesse z.B. mit Ärzten, Apothekern und Kostenträgern werden schneller und vor allem auch sicherer. Pflegeeinrichtungen schaffen zudem bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeitenden, denn intelligente Technologien werden deren Arbeit positiv verändern, Assistenzsysteme und Robotik ihre Arbeit erleichtern und die Qualität verbessern und die KI wird ihre Pflege- und Tourenplanung optimieren.
Die Kostenträger profitieren ebenfalls von effizienteren Übertragungswegen und werden Ihren Sicherstellungsauftrag auch mit Unterstützungsangebote durch Telepflege besser erfüllen können. Verbesserungen in der Versorgungsqualität Weiterentwicklungen der Versorgungsqualität führen auch zu finanziellen Einsparungen, Krankenhausaufenthalte können vermieden werden.
Und nicht zuletzt der Pflegebedürftige und seine Angehörigen selbst. Das Sammeln der relevanten medizinischen und pflegerischen Daten an einem zentralen Ort unterstützt die Versorgungsprozesse und schafft mehr Kontinuität in der Versorgung. Durch die Entlastung der Pflegekräfte wird zudem der zunehmenden Arbeitsverdichtung entgegengewirkt.
Wie könnte die Digitalisierung der Pflege Ihrer Meinung nach auch zur Dämpfung der Auswirkungen des Fachkräftemangels beitragen?
Die Digitalisierung, aber auch Technisierung in der Pflege wird Pflegekräfte in ihrer Arbeit unterstützen und von bürokratischen Aufgaben entlasten. Dokumentationsaufwände werden durch automatisierten Datenaustausch über Schnittstellen verringert, Kommunikationsprozesse durch Nutzung der Telematikinfrastruktur effizienter. Pflegeprozesse selbst könnten wie oben beschrieben mit der Digitalisierung zielgerichteter und effizienter werden. Intelligente Sensoren übernehmen Monitoring-Aufgaben, so dass ohne direkte Anwesenheit der Pflegekräfte zeitgleich mehrere Pflegebedürftige beobachtet werden können. Hierzu gehört zum Beispiel das Monitoring von Vitalparametern, Sturzereignissen, Geolokalisation. Die Sensoren übermitteln die Daten automatisch in das Pflegedokumentationssystem. Eine dazugeschaltete KI erkennt aufgrund der Analyse der Vitalparameter eine sich anbahnende Gesundheitsverschlechterung und alarmiert Pflegekräfte, die rechtzeitig intervenieren können. Telemedizin- und Telepflegeanwendungen werden Vor-Ort-Anwesenheiten verringern und die Verfügbarkeit von fachärztlichen und fachpflegerischen Konsultationsmöglichkeiten erhöhen. Auch eLearning-Anwendungen werden dazu beitragen, dass Pflegekräfte flexibel und effizienter geschult werden können. Insgesamt kann also Zeit anders eingesetzt werden und somit den Personalengpass etwas abmildern. Digitalisierung und Technisierung in der Pflege kann darüber hinaus den Pflegeberuf zusätzlich attraktiv machen und zusätzliches Personal damit dem Personalmangel entgegenwirken.
Was droht, wenn der Digitalisierungsfortschritt in der Pflege weiter zu versanden droht?
Die schon jetzt dramatische Versorgungslücke wird sich ohne eine rasche und konsequente Digitalisierung weiter öffnen. Bereits heute führt der Personalmangel zu einer sehr angespannten Versorgungssituation mit hohen Belastungen für die Pflegekräfte. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter deutlich ansteigen. Ohne Digitalisierung und Technisierung in der Pflege wird eine nachhaltige Versorgungssicherheit nicht erreicht werden können.
Welche Stakeholder verzögern Ihrem Empfinden nach den Prozess eher, und wer könnte/sollte ihn beschleunigen?
Die Digitalisierung stößt in Deutschland noch häufig auf zu viele unbegründete Bedenken und Sorgen. Datenschutz ist in diesem Kontext ein wichtiger Aspekt, der Vertrauen in die Digitalisierung schaffen soll. Ein überbordender Datenschutz ist jedoch ein Innovations- und Fortschrittshemmer.
Die digitale Transformation ist zudem mit Kosten verbunden. Je mehr wir sie ausbauen, umso höher werden die Kosten dafür, das dürfte jedem einleuchten. Wir erleben gerade, dass mit Blick auf die Digitalisierung und Technisierung in Verbindung mit der notwendigen Refinanzierung der dafür erforderlichen Aufwendungen zu sehr auf die kurzfristigen Kosten geschaut wird und die langfristigen positiven Effekte zu wenig in den Blick genommen werden. Durch eine optimierte Versorgung mit effizienteren Prozessen werden wir langfristig Kosten einsparen können – aber vor allem Ressourcen freisetzen, die wir für die direkte pflegerische Versorgung bei weiter stark steigenden Versorgungsbedarfen dringend benötigen werden.
Digitalisierung in Deutschland ist – im Vergleich etwa mit skandinavischen oder baltischen Staaten – grundsätzlich immer noch ein Thema mit viel Nachholbedarf. Welche dieser infrastrukturellen Digitalisierungslücken bremsen auch nach wie vor auch die Pflegedigitalisierung aus?
Gerade im ländlichen Bereich zeigt sich, dass es oftmals an der grundlegenden digitalen Infrastruktur mangelt. Hier fehlt es noch immer an einer hinreichenden Netzabdeckung oder schnellem Internetzugang, was ein Armutszeugnis für Deutschland ist. Wenn eine Anbindung überhaupt möglich ist, ist die Performanz von Anwendungen aufgrund der mangelnden Geschwindigkeit derart schlecht, dass Pflegekräfte diese verständlicherweise ablehnen. In diesem Fall führen digitale Anwendungen auch nicht mehr zu Mehrwerten sondern Mehraufwänden. Es mangelt zudem in der Fläche an einer adäquaten Ausstattung von z.B. mobilen Endgeräten, um komplexere digitale Anwendung in der Pflege nutzen zu können. Verbesserte Finanzierung durch die Kostenträger und vor allem auch Investitionen in die Infrastruktur sind hier zwingend notwendig.
Welche Fortschritte in der Pflegedigitalisierung sehen Sie trotz aller Hürden heute schon und in naher Zukunft für die Pflegedienstleister? Was wurde bisher erreicht, was stimmt hoffnungsvoll?
Dass sich viele unserer Mitgliedseinrichtungen schon umfassend mit dem Thema auseinandersetzen, ist sicher ein positives Signal. Die Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) wird umgesetzt und damit werden viele weitere digitale Komponenten in das Bewusstsein rücken und wie ein Katalysator wirken. Das beste Beispiel für den Fortschritt der Digitalisierung ist sicherlich die digitale Pflegedokumentation. Hier sind in den letzten Jahren bereits erhebliche Verbesserungen erfolgt und weitere stehen bspw. mit der Sprachdokumentation kurz vor dem flächendeckenden Durchbruch.
Interview: Darren Klingbeil
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