News

Pflege in NRW: Kommunaler Flickenteppich erschwert Versorgung

Trotz bundes- und landesweiter Rahmenregelungen herrschen in der Pflege große regionale Unterschiede. Experten fordern einheitliche Standards und mehr Kooperation zwischen den Kommunen.

Weiße und bunte Papierboote auf hellem Hintergrund, verbunden durch gepunktete Linien als Kommunikationsnetzwerk.
Obwohl es bundes- und landesweite Vorgaben gibt, zeigt sich die Pflege regional sehr unterschiedlich. Foto: AdobeStock/Worawut

Beim digitalen Pflegeinfrastrukturgipfel 2025 der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und des Netzwerks „ZukunftPflege NRW“ diskutierten am 27. August Pflegearbeitgeber, Betroffene und Vertreter aus Behörden, Politik und Verbänden über die kommunalen Herausforderungen in der Pflegeversorgung. Das Fazit fiel ernüchternd aus: „Von gleichwertigen Lebensverhältnissen sind wir in der Pflege in NRW leider weit entfernt“, bilanzierte Ulrich Christofczik, Sprecher der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und Geschäftsführer der Evangelischen Dienste Duisburg gGmbH.

Laut den Teilnehmern erschweren kommunale Unterschiede vielerorts die Versorgung – von der Bedarfsplanung über Demenz-Wohngemeinschaften bis hin zur Integration ausländischer Arbeitskräfte. Diese regionalen Disparitäten führen zu Unsicherheiten bei Anbietern, Bewohnern und Angehörigen.

Demenz-Wohngemeinschaften: Rechtsunsicherheit bremst Projekte

Besonders problematisch gestaltet sich laut der Konferenz die Umsetzung von Wohngemeinschaften für Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf. Kerstin Schönlau und Marina Kranich vom Diakonischen Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten präsentierten die Entwicklung von Demenz-WGs in ihrem Einzugsgebiet als Beispiel für die herrschenden Schwierigkeiten.

Trotz erfolgreicher Projekte verhindern laut den Referentinnen uneinheitliche Rechtsauslegungen in Bottrop und Gladbeck eine verlässliche Umsetzung. Unterschiedliche Zuständigkeiten, grundverschiedene Rechtsauslegungen von Sachbearbeitern, lange Wartezeiten und komplizierte Abrechnungen führen zu Unsicherheit bei allen Beteiligten. Die Vertreterinnen fordern daher die rechtsverbindliche Anerkennung von Demenz-WGs als besondere Wohnform sowie eine einheitliche, praxisnahe Regelung der Vertragsgestaltung.

Ausländische Pflegekräfte: Uneinheitliche Verfahren als Hürde

Auch bei der Integration ausländischer Fachkräfte, die laut Konferenz als Schlüssel zur Sicherung der zukünftigen Pflegeversorgung gilt, bestehen große Unterschiede zwischen den Kommunen. Sven-Erik Leichner vom evangelischen Johanneswerk verwies auf unterschiedliche Gebühren für Anerkennungsverfahren, verschiedene Konzepte zur Sprachförderung und uneinheitliche Unterstützungsangebote zur Integration vor Ort.

Die Teilnehmer forderten landesweite Standards, finanzielle Unterstützung für ressourcenschwache Kommunen und ein zentrales Monitoring. Ohne diese Vereinheitlichung bleibe das Potenzial ausländischer Pflegekräfte ungenutzt.

Pflegende Angehörige: Größte Gruppe bleibt unsichtbar

Scharfe Kritik übte Notburga Ott von „wir pflegen NRW“ an der mangelnden Berücksichtigung pflegender Angehöriger in der kommunalen Pflegeplanung. Obwohl diese Gruppe den größten Teil der Versorgung leiste, werde sie kaum beachtet. Die Folgen seien fehlende Entlastungsangebote, gesundheitliche Überlastung und finanzielle Risiken für die Betroffenen.

Besonders Eltern pflegebedürftiger Kinder benötigen laut Ott spezifische Unterstützung. Sie forderte eine systematische Datenerhebung unter Einbeziehung der Betroffenen, deren Einbindung in die Pflegeplanung und den Ausbau quartiersnaher Entlastungsstrukturen.

Bottrop als Vorbild für gelungene Pflegeplanung

Hoffnung machte das Beispiel der Stadt Bottrop, die laut Konferenz Maßstäbe in der Pflegeplanung setzt. Die Stadt nutzt eine verbindliche Pflegebedarfsplanung als Steuerungsinstrument und setzt auf Kooperation. In enger Zusammenarbeit von Politik, Anbietern und Wohlfahrtsverbänden wurden seit 2017 hunderte neue Plätze geschaffen.

Moritz Brunecker, Sozialplaner in Bottrop, demonstrierte nach Angaben der Veranstalter, dass alle Beteiligten profitieren, wenn Verwaltung Verantwortung übernimmt und sich als Netzwerker versteht – Pflegebedürftige, Angehörige und Anbieter gleichermaßen.

Jens Fritsch von der Diakonie Ruhr betonte die Risiken ungleicher kommunaler Regelungen für das Bauen und Gestalten von Einrichtungen. Unterschiedliche Verfahren führten zu Mehrkosten und Investitionshemmnissen. Er schlug eine stärkere regionale Abstimmung vor und die Überführung der kommunalen Pflegeplanung in eine erweiterte Regionalplanung – insbesondere im Ruhrgebiet, wo Versorgungsstrukturen eng miteinander verflochten sind.

Roland Weigel, Moderator des Infrastrukturgipfels, fasste die Erkenntnisse zusammen: Pflegebedürftige, Angehörige, Unternehmen und letztendlich die Steuerzahler zahlen den Preis für einen Flickenteppich an Regelungen und Zuständigkeiten. Nötig sei „eine einheitliche, abgestimmte und verlässliche Pflegepolitik in den Kommunen. Weniger Flickenteppich, mehr Zukunft. Mehr regionale Kooperation, weniger Kirchturmdenken – gerade im Ruhrgebiet.“