News

„Wir wollen praktikable Standards“

Große Softwarehersteller und Abrechnungsdienstleister im Pflegemarkt haben einen neuen Verband gegründet – den „Verband für digitale Standards in der Pflege“, kurz VdSP. Über die Hintergründe des Digitalverbands für die Pflege berichtet Opta Data Geschäftsführer Andreas Fischer im Interview.

"Wir wollen keine klassische Verbandsarbeit machen, sondern technische Lösungen anbieten, die schnell in die Fläche kommen" so Andreas Fischer, Geschäftsführer der Opta Data Gruppe. Foto: opta data Gruppe / Jakob Studnar

Herr Fischer, Sie haben einen neuen Verband ins Leben gerufen, der sich mit digitalen Standards in der Pflege befasst. Wie heißt der Verband – und wer steckt dahinter?
Der Verband heißt „Verband für digitale Standards in der Pflege“, kurz VdSP. Gegründet wurde er von den großen Softwareherstellern und Abrechnungsdienstleistern im Pflegemarkt – also von den Akteuren, die tatsächlich einen Großteil des Marktes abdecken. Das war uns besonders wichtig: Wenn man Standards setzen will, dann sollten sie nicht nur theoretisch auf dem Papier stehen, sondern auch tatsächlich Anwendung finden. Und dafür braucht es diejenigen an Bord, die die Lösungen heute schon in die Praxis bringen.

Es gibt doch schon zahlreiche Verbände im Pflegesektor. Warum braucht es jetzt noch einen neuen – speziell für Digitalisierung?
Die Frage ist absolut berechtigt. Interessanterweise haben uns aber selbst etablierte Verbände wie der bpa oder der bad daraufhin signalisiert: „Ja, das braucht es.“ Denn unser Fokus liegt nicht auf fachpolitischen Themen, sondern auf technischer Umsetzungs- und Digitalisierungskompetenz. Wir stehen an einem Punkt, an dem digitale Prozesse in der Pflege grundlegend gestaltet werden müssen – und dafür braucht es spezifisches Know-how. Dass sich hier Wettbewerber zusammentun, die sonst um Marktanteile ringen, zeigt doch: Es geht uns um tragfähige, offene Standards, die jeder nutzen kann – unabhängig davon, ob er Mitglied ist oder nicht.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie Sie mit dem Verband die Digitalisierung in der Pflege konkret voranbringen wollen?
Nehmen Sie etwa das leidige Thema der Patientenunterschrift auf dem Leistungsnachweis – da gab es jahrelang Streit und Unsicherheit. Inzwischen haben wir ein digitales Verfahren dafür etablieren können, das sogar in die technische Anlage des GKV-Spitzenverbands aufgenommen wurde. Das ist ein echter Fortschritt. Oder der sogenannte elektronische Leistungsnachweis: Auch der ist ein Schritt in Richtung Digitalisierung – und zwar unabhängig von der Telematikinfrastruktur. Die Digitalisierung kommt ohnehin aus vielen Richtungen, und wir müssen sie gemeinsam vorantreiben, damit am Ende ein funktionierendes Gesamtsystem entsteht.

Das klingt, als wolle Ihr Verband auch eine Lücke füllen, die andere bislang offengelassen haben – etwa die Gematik?
Ich will keine Schuldzuweisungen machen, aber klar: Die Gematik arbeitet auf einer sehr hohen Flughöhe, sie muss alle Gesundheitsbereiche abdecken – vom Krankenhaus bis zum Optiker. Es ist logisch, dass sie nicht überall in die Tiefe gehen kann. Diese Tiefe wollen wir liefern. Wir bringen das dezidierte Fachwissen aus der Pflege ein, technisch wie prozessual. Unser Ziel ist es, die Gematik zu unterstützen – mit ausgereiften Vorschlägen, die offen sind und die von allen Marktakteuren mitgetragen werden. Das schafft Vertrauen und Tempo.

Kritiker könnten sagen: Das klingt charmant, ist aber trotzdem ein Seitenhieb auf die Gematik.
(lacht) Ganz ehrlich: Es ist nicht unsere Absicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich verstehe sehr gut, dass ein Gremium wie die Gematik nicht in jeder Branche gleichermaßen tief drinstecken kann. Aber genau deshalb sagen wir: Lasst uns die Gestaltungskompetenz in die Hände derer legen, die seit Jahrzehnten in diesem Markt arbeiten – und zwar mit einer gemeinsamen, einheitlichen Stimme. Das ist der Ansatz unseres Verbands. Wir wollen keine klassische Verbandsarbeit machen, sondern technische Lösungen anbieten, die schnell in die Fläche kommen.

Ein Ansatz könnte also sein, praktikable Standards zu erarbeiten, die dann von der Gematik übernommen und für verbindlich erklärt werden?
Genau. Wenn ein einzelnes Unternehmen bei der Gematik vorstellig wird, entsteht leicht der Eindruck, es könnte sich eigene Vorteile verschaffen. Wenn aber ein ganzer Verband Vorschläge macht – und diese offenlegt –, dann fällt diese Skepsis weg. Und so kommt man schneller ins Handeln.

Apropos politisches Gewicht: Zeitgleich mit der Verbandsgründung haben Sie in Berlin ein Hauptstadtbüro eröffnet. Reiner Zufall?
Ganz sicher nicht. Die Gesundheitspolitik wird in Berlin gemacht. Deshalb wollen wir als opta data Gruppe dort präsenter sein – um unsere Expertise in die richtigen politischen Kanäle einzubringen. Immer mit dem Fokus auf Digitalisierung – das ist unser Thema.

Es gibt auch im Digitalbereich bereits etablierte Verbände, etwa den bvitg oder Finsoz. Was unterscheidet den VdSP von diesen?
Mit beiden Verbänden stehen wir im Austausch. Der bvitg fokussiert sich stark auf Krankenhaus- und Arztsysteme – dort ist die Pflege traditionell eher ein Randthema. Finsoz ist aus meiner Sicht sehr heterogen aufgestellt. Uns ging es darum, einen Verband zu gründen, der sich ausschließlich auf digitale Fragestellungen in der Pflege konzentriert – und der dabei über eine hohe Marktdurchdringung verfügt. Denn nur so lassen sich Standards schnell umsetzen.

Viele Verbände wollen möglichst viele Mitglieder gewinnen. Das kann aber auch dazu führen, dass man schwerfälliger wird. Wie ist Ihre Strategie?
Wir verfolgen einen offenen Ansatz: Jeder kann mitmachen. Wir bieten ein zweistufiges Modell – mit stimmberechtigten und nicht-stimmberechtigten Mitgliedschaften. Auch kleinere Unternehmen, die vielleicht keine Kapazitäten für intensive Gremienarbeit haben, können sich bei uns einbringen, zuhören, mitgestalten. Und wir laden auch ausdrücklich Leistungserbringer-Verbände ein mitzumachen. Sie kennen den Schmerz ihrer Mitglieder – wir bringen die technische Lösung.

Das klingt nach einer Art Arbeitsteilung zwischen Politik und Technik.
Genau das ist die Idee: Lasst die politischen Verbände die politische Arbeit machen – und gebt die technischen Herausforderungen an uns. Wir liefern praktikable Lösungen zurück. Wenn sie nicht gefallen, kann man sie ablehnen. Aber wir stehen in der Verantwortung, jetzt auch zu liefern. Darauf haben wir uns als große Unternehmen in dieser Branche verpflichtet.

Interview: Lukas Sander