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Hilft eine Attestpflicht gegen hohe Fehlzeiten?

30 Millionen zusätzliche Arztbesuche, überfüllte Praxen, neue Infektionsketten: Die Kritik an der geplanten Attestpflicht ab Tag eins ist groß. Experte Michael Wipp fordert konsequente Fehlzeitenanalyse in Pflegeeinrichtungen, anstatt über hohe Krankenstände zu lamentieren. Welche Werkzeuge im Fehlzeitenmanagement bewährt sind und was Pflegeheime tun sollten, erläutert er im Interview.

Michael Wipp
Foto: Alexa.Kirsch.Fotographie

Herr Wipp: Die Bundesregierung plant, die Attestpflicht auf den ersten Krankheitstag auszuweiten und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Maßnahmen, die Arbeitnehmer pauschal unter Verdacht stellen, ohne die eigentlichen Ursachen zu adressieren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet mit bis zu 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen pro Jahr, sollte die Reform kommen. Schon jetzt ist es schwierig, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Anstatt sich zu schonen, müssten Arbeitnehmer:innen sich künftig z.B. mit akuten Infektionskrankheiten in Bus und Bahn zur übervollen Arztpraxis schleppen, anstatt im Bett zu bleiben – wodurch neue Infektionsketten entstehen. Was halten Sie denn von den Plänen der Bundesregierung?

Michael Wipp: Zunächst sind nicht die genannten zusätzlichen potenziell erforderlichen Arztbesuche das Problem, sondern deren Ursachen. Die hohen Fehlzeiten in Deutschland im europäischen Vergleich mit allen ihren Auswirkungen stehen seit Langem im Fokus der Öffentlichkeit. Meiner Meinung nach ist die Notwendigkeit für die Bundesregierung, hier eine Regelung zu finden, um die Herausforderungen in Bezug auf die Schwäche des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu meistern, auch eine Folge des mangelnden Tätigwerdens eines Großteils der Unternehmen bei der Entwicklung eines Konzepts zum Umgang mit Fehlzeiten. Gleichzeitig über Fehlzeiten zu lamentieren und dann geplante Regelungen zu verteufeln, ist widersprüchlich. Schon heute könnten Atteste für bestimmte Mitarbeiter ab dem ersten Tag eingefordert werden, doch das geschieht höchst selten.

Könnte eine solche Regelung dazu führen, dass Beschäftigte krank zur Arbeit erscheinen – und wenn ja, welche Folgen hätte das für die Bewohnerinnen und Bewohner und das Unternehmen?

Wipp: Natürlich könnte das passieren, das ist gar keine Frage. Gegenwärtig ist es aber so, dass sich immer dieselben Mitarbeiter trotz Krankheit zur Arbeit schleppen, während einige andere sich krankmelden – ohne dies wirklich zu sein. Die Leidtragenden sind die anderen Mitarbeiter und die Bewohner.

Mehr zum Thema Fehlzeitenmanagement auf dem Altenheim Management Kongress am 1. + 2. Oktober 2026

Studien des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung und der Barmer zeigen: Die Telefon-Krankschreibung ist für lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen verantwortlich. Was sind aus Ihrer Erfahrung die echten Ursachen hoher Fehlzeiten in der Pflege?

Wipp: Das ist ein hochkomplexes Zusammenkommen vielfältiger Ursachen, dem in der Praxis bedauerlicherweise viel zu wenig Beachtung zuteil wird. Meistens wird lediglich die Frage gestellt: „Und wer springt morgen ein?“, anstatt im Interesse aller Mitarbeiter beispielsweise eine konsequente Fehlzeitenanalyse durchzuführen, um die Ursachen zu ermitteln und diese dann gezielt anzugehen. Das ist für alle Beteiligten letztlich produktiver, als über Fehlzeiten oder zusätzliche Arztbesuche zu jammern.

Auf dem Altenheim Management Kongress beraten Sie die Teilnehmer:innen dazu, wie gutes Fehlzeitenmanagement aussehen kann. Wie wirkt die Führungsqualität auf den Krankenstand ein, wie beobachten Sie das in der Praxis?

Wipp: Natürlich spielt die Frage der Führung eine zentrale Rolle. Es wäre aber deutlich zu kurz gegriffen, das allein an der Führung festzumachen. Nicht einen Schuldigen suchen, sondern konsequent Fehltage analysieren.

Rückkehrgespräche, Fehlzeitenanalysen, BEM-Verfahren – das Instrumentarium ist bekannt. Trotzdem klagen viele Einrichtungen über anhaltend hohe Krankenstände. Woran scheitert die Umsetzung in der Praxis?

Wipp: Die Instrumente sind bekannt, werden aber selten konsequent eingesetzt, allenfalls sporadisch. Das gilt auch für die Unterstützung durch die Berufsgenossenschaften in Form von BGM oder Analysen in Zusammenarbeit mit Krankenkassen. Vielfältige Möglichkeiten könnten in ein Konzept zum Fehlzeitenmanagement eingebunden werden. In der Praxis dominiert jedoch häufig Hilflosigkeit.

Fehlzeiten überlasten Teams. Und überlastete Teams produzieren mehr Fehlzeiten. Wie durchbrechen Einrichtungen diesen Kreislauf, ohne in eine Abwärtsspirale zu geraten?

Wipp: Ein fehlendes Fehlzeitenmanagement führt zu Überlastung in den Teams. Der Trend geht zum Ausfallmanagement, weil es bequemer ist, als sich konsequent mit der Realität der Fehlzeiten auseinanderzusetzen. Vor dem Ausfallmanagement steht jedoch die Fehlzeitenanalyse. Das Ausfallmanagement bekämpft die Symptome, nicht aber die Ursachen. Die Ermittlung dieser Ursachen ist Aufgabe der verantwortlichen Führungskräfte in den Einrichtungen.

Interview: Susanne El-Nawab

Mehr dazu auf dem Altenheim Management Kongress am 1. + 2. Oktober 2026