Demenz

„Demenz ist kein Pflegeproblem, sondern ein gesellschaftliches“

Es war ein Schritt, der sein Leben veränderte: Mit nur 21 Jahren zog der niederländische Pfleger Teun Toebes in ein Pflegeheim für Menschen mit Demenz. Seine Erfahrungen verarbeitete er in einem Buch, das einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel im Umgang mit Demenz einfordert.

Quelle: Toebes Teun Toebes kämpft leidenschaftlich für eine bessere Welt für Menschen mit Demenz.

Der mittlerweile 24 Jahre alte Toebes hat in einem eindringlichen Interview mit Torsten Anstädt für die Zeitschrift „Altenheim“ die Notwendigkeit eines fundamentalen gesellschaftlichen Mentalitätswechsels hervorgehoben, um Menschen mit Demenz angemessen zu versorgen.

Toebes‘ ungewöhnliche Entscheidung, mit 21 Jahren in ein Pflegeheim für Menschen mit Demenz zu ziehen, um dort zu leben, markierte den Beginn einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Realität dieser Erkrankung. „Demenz ist kein Pflegeproblem, sondern ein gesellschaftliches Problem“, betont Toebes. Er kritisiert die Tendenz, Menschen mit Demenz aus der Gesellschaft auszugrenzen und in geschlossenen Institutionen zu isolieren. „Ich habe hier insgesamt über dreieinhalb Jahre in einem Pflegeheim auf den geschlossenen Stationen gelebt. Ich habe drei Jahre lang in diesem Haus, hinter Mauern gelebt. Wir leben nicht zusammen mit Menschen mit Demenz. Wir schließen sie aus“, erklärt Toebes, der über seine Erfahrungen auch während der Eröffnung des Kongresses „Expo living & care“ am 28. Mai in Berlin sprechen wird.

Hier geht es zum Programm der EXPO

Er plädiert dafür, eine neue Perspektive auf Demenz zu entwickeln und Menschen mit Demenz nicht als Patienten, sondern als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu betrachten. Der Kern seiner Botschaft liegt in der Forderung nach einem neuen Verständnis und einem respektvolleren Umgang mit Menschen mit Demenz. Toebes plädiert dafür, ihre Stimmen zu hören, ihre Bedürfnisse zu verstehen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Er betont die Wichtigkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen und einem gemeinschaftlichen Zusammenleben auf Augenhöhe.

Toebes: „Die Frage ist, wie wollen wir leben? Ich habe von meinen Mitbewohnern gelernt, dass das Leben mit Menschen mit Demenz auch schön sein kann. Natürlich kann es auch schwierig und sehr schmerzhaft sein, mit Menschen mit Demenz zurechtzukommen, das ist sehr individuell. Die Erfahrung, die Menschen mit Demenz selbst machen, kommt nicht von der Krankheit, sondern von der Art und Weise, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Und das ist etwas, was wir ändern können und betroffenen Menschen respektvoller begegnen.“

Teun Toebes zeigt hoffnungsvolle Perspektiven auf

In seinem Buch und dem gemeinsam mit Jonathan de Jong gedrehten Dokumentarfilm „Human Forever“ gibt Toebes den Bewohnern des Pflegeheims eine Stimme. Durch authentische Dialoge und eindringliche Geschichten möchte er das öffentliche Bewusstsein für Demenz verändern und eine hoffnungsvolle Perspektive aufzeigen.

Toebes‘ Erfahrungen auf einer internationalen Reise bestärkten sein Engagement für Veränderungen in der Demenzpflege. Er betont die Bedeutung von positiven Beispielen aus anderen Ländern und ruft dazu auf, von erfolgreichen Initiativen zu lernen und diese als Standard zu etablieren. Toebes: „Woran ich mich am meisten erinnere und was ich tief empfinde, ist ein Gefühl der Hoffnung. Ich fand in vielen Ländern spannende Beispiele.“ Er nennt etwa das Gemeinschaftsgefühl in Südafrika und Moldawien, die generationenübergreifende Schule in Nordamerika oder die Prävention in Südkorea.

Teun Toebes ist zu Gast auf der EXPO Living & Care in Berlin am 28. + 29. Mai 2024 im Estrel Hotel Berlin. Infos zum Programm und zur Anmeldung finden Sie hier.

Zur Person: Teun Toebes ist gelernter Pfleger , hat inzwischen einen Bachelor in Krankenpflege und einen Master in Pflegeethik und -politik. Für den Dokumentarfilm ist er um die Welt gereist und zeigt, wie Menschen mit Demenz in anderen Ländern betreut werden. Der Film wurde Ende 2023 in den Niederlanden veröffentlicht, mit großem Erfolg. Sein Buch „Der Einundzwanzigjährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog und von seinen Mitbewohnern mit Demenz lernte, was Menschlichkeit bedeutet“, wurde mittlerweile in 14 Ländern veröffentlicht.