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16. Apr 2021 | Pflege und Politik

Nutzen und Risiken von Psychopharmaka stärker abwägen

Zu häufig, zu lange und zu hoch dosiert: An der häufig kritisierten Verschreibungspraxis von Psychopharmaka bei Senioren hat sich nach Einschätzung des Mannheimer Mediziners Martin Wehling noch immer wenig geändert. Dass es auch ohne medikamentöse "Fixierung" geht, zeigt ein Projekt am Johanniter-Haus im nordbadischen Waibstadt bei Sinsheim.

Medikamente
Laut Experten des Demenzreports der Universität Bremen 2017-2019 bekommen rund 30 Prozent der Pflegheimbewohner mit Demenz dauerhaft ein Neuroleptikum.
Foto: Susanne El-Nawab

"Von acht eingenommenen Medikamenten der über 85-Jährigen enthalten zwei psychoaktive Substanzen", sagt der Direktor am Institut für klinische Pharmakologie dem Evangelischen Pressedienst. So bekommen etwa rund 30 Prozent der Pflegheimbewohner mit Demenz laut Experten des Demenzreports der Universität Bremen 2017-2019 dauerhaft ein Neuroleptikum. Das Medikament dämpft das Gehirn, stellt den Patienten ruhig. Doch bei jeder dritten Demenz trage die Einnahme von Medikamenten, die Hirnfunktionen dämpfen, zur Auslösung oder Verschlimmerung bei, hat Wehling in seiner 20-jährigen geriatrischen Tätigkeit beobachtet. Im Umkehrschluss bedeutet das: Solche durch Medikamente verursachten Demenzen verschwinden oder bessern sich, lässt man die Psychopharmaka weg. Was der Körper in jungen Jahren problemlos abbauen kann, sei für den älteren Organismus oftmals "Gift", betont Wehling. Grund sind die abnehmenden Organfunktionen im Alter.

Eine Übersicht über sowohl untaugliche als auch hilfreiche Medikamente für ältere Menschen gibt die "FORTA-Liste" (Fit FOR the Aged), deren Urheber Wehling ist. Auf Grundlage ausgewählter Alterskrankheiten bewertet sie Medikamente und teilt sie in vier Kategorien (A, B, C, D) ein - von "unverzichtbar" über "vorteilhaft" und "fragwürdig" bis zu "vermeiden". Die Folgen bei der Einnahme negativ bewerteter Psychopharmaka seien Verwirrtheit, Halluzinationen, Delir oder schwere, mithin tödliche Stürze. "Man muss die Latte schon sehr hoch hängen, damit die Leute davon profitieren", sagt Wehling.

Dass es auch ohne medikamentöse "Fixierung" geht, zeigt ein Projekt am Johanniter-Haus im nordbadischen Waibstadt bei Sinsheim. So sei es gelungen, innerhalb von zwei Jahren die Verordnungen der Sedativa, Benzodiazepine und Neuroleptika von zu Beginn 45 Prozent auf zehn Prozent zu senken, sagt Einrichtungsleiter Kai Schramm.

Zusammen mit Ärzten und Therapeuten stellte die Einrichtung alle bestehenden medikamentösen Verordnungen der Bewohner auf den Prüfstand. Unter engmaschiger Beobachtung und Besprechung jedes einzelnen Falles wurden bestehende Psychopharmaka-Verordnungen verändert. "Bei 45 Prozent stellten sich positive Veränderungen und bei 44 Prozent keine Veränderungen ein", fasst Kai Schramm das Ergebnis zusammen. Dadurch konnten bei den meisten Heimbewohnern Psychopharmaka abgesetzt oder reduziert werden.

Begleitend verstärkte das Johanniter-Haus Waibstadt nichtmedikamentöse Angebote, wie Hand- und Fußmassagen, Aromapflege, gezielte Bewegungsangebote im Freien, Strukturierung der Tagesabläufe sowie Biographiearbeit. Die Erfahrung in Waibstadt zeigt: Den Menschen geht es mit Zuwendung statt Pillen besser. "Wir sind heute noch überrascht, wie gut das funktioniert", sagt Schramm.

Dass gutes Zureden und psychologische Führung für ältere Menschen wichtiger sind als Chemiekeulen, betont auch Martin Wehling. Mit seiner gerontopharmakologischen Ambulanz an der Uniklinik Mannheim versucht er, Ärzten bei der Reduzierung von Polypharmazie älterer Patienten zu helfen. Die Krankenkassen honorierten diese Beratungen allerdings nur spärlich. "Unser Gesundheitssystem bezahlt das Falsche", sagt Wehling: "Es bezahlt die technische und nicht die denkende und sprechende Medizin."

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