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07. Dez 2020 | News

Corona-Pandemie: Lage in Pflegeheimen spitzt sich zu

Die Lage in den Pflege- und Wohneinrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland - dem größten Wohlfahrtsverband in den ostdeutschen Bundesländern - spitzt sich in der Corona-Pandemie dramatisch zu. Auch in anderen Regionen wird es eng. In Hessen ruft eine Einrichtung über die sozialen Medien nach Hilfe.
Junge weibliche Pflegekraft bindet sich die Maske.
Die Versorgung in einigen Pflegeeinrichtungen steht auf der Kippe. Bereits jetzt müssten mit dem Corona-Virus infizierte Mitarbeitende ebenfalls infizierte Bewohner versorgen.
Foto: Adobe Stock/ JustLife

"Wir wissen nicht, wie wir in einigen Einrichtungen die Dienste in der kommenden Woche abdecken sollen", sagte der Vorstand der Diakonie Mitteldeutschland, Christoph Stolte, am 6. Dezember dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Erfurt. Bereits jetzt müssten auch positiv getestete Mitarbeitende auf Stationen mit Erkrankten arbeiten.

Infizierte Mitarbeitende versorgen ebenfalls erkrankte Bewohner

Die Lage in den Heimen verschärfe sich täglich. So seien zur Wochenmitte in einem Pflegeheim im Südharz 30 von 70 Bewohnern erkrankt und nur noch 19 von 52 Mitarbeitenden im Dienst gewesen. Das Arbeiten in Schutzkleidung, viele Sonderschichten, die ständige Angst, sich und andere zu infizieren, die Einsamkeit vieler Bewohner - all das bewältigten die Mitarbeitenden jeden Tag. Bei ihnen setze eine physische und auch psychische Erschöpfung ein. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien nach neun Monaten Pandemie am Ende ihrer Kräfte. Bereits jetzt lasse sich die Versorgung in manchen diakonischen Einrichtungen nur durch "Arbeitsquarantäne" aufrechterhalten. Das heiße, dass auch positiv getestete Mitarbeitende auf Stationen mit Erkrankten arbeiten müssen.

Einrichtungen können keine weiteren Aufgaben erfüllen

Stolte appellierte an die Landesregierungen, den Einrichtungen keine zusätzlichen Aufgaben zu übertragen. "Die Mitarbeitenden können nicht noch die Schnelltests für Bewohner und Besucher durchführen", sagte der Diakoniedirektor. Dazu müssten Fachkräfte aus der Pflege abgezogen werden, was schlicht unverantwortlich sei. Auch die Erwartung, dass Impfteams durch Personal der Einrichtungen begleitet werden, könne nicht erfüllt werden. Aus seiner Sicht wäre es hilfreich, wenn die Träger Angebote wie die Eingliederungshilfe schließen dürften, um die dortigen Mitarbeitenden in Pflege- und Wohneinrichtungen einsetzen zu können, sagte Stolte weiter. "Hier sind Menschen zu Hause und müssen immer betreut werden", erklärte er. Der Träger dürfe in einem solchen Fall aber nicht gleich durch Kürzung der Finanzierung bestraft werden. Es gehe um die Bewältigung einer Notlage, damit in Pflege- und Wohneinrichtungen alle Menschen versorgt sind.

Hilferuf über die sozialen Medien

Das von der Hephata-Diakonie betriebene Seniorenzentrum Edermünde in Nordhessen sucht mit einem auch über die sozialen Medien verbreiteten Aufruf dringend Unterstützung in den Bereichen Pflege und Hauswirtschaft. Derzeit seien 15 Mitarbeiter des Zentrums wegen der Corona-Pandemie in Quarantäne, die verbliebenen Mitarbeiter arbeiteten in Doppelschichten und seien an der Grenze ihrer Belastung, schildern die stellvertretende Pflegedienstleiterin Nina Hänsch und Bürgermeister Thomas Petrich (SPD) die Lage in dem Video. In dem Seniorenzentrum sind aktuell zwölf Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Derzeit ist das Haus in drei Bereiche für Erkrankte, Verdachtsfälle und gesunde Menschen unterteilt. Ende November war es dem Bürgermeister von Bad Sooden-Allendorf, Frank Hix (CDU), in einem ähnlichen,  über Facebook verbreiteten Aufruf gelungen, die drohende Schließung eines Seniorenheimes abzuwenden. Auf den Aufruf hin hatten sich umgehend mehrere Hilfskräfte gemeldet.

Bpa fordert strengere Besuchsregelungen

Unterdessen hat der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung einen Leitfaden für Besuche in Pflegeheimen veröffentlicht. Angesichts der hohen Infektionszahlen in den Pflegeheimen und deutlich mehr Todesfällen als bei der ersten Pandemiewelle im Frühjahr fordert der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), die aktuellen Besuchsregeln in Pflegeheimen auf den Prüfstand zu stellen. "In den Pflegeheimen haben wir bei Infektionen eine Bündelung an Herausforderungen, da zahlreiche Mitarbeiter in Quarantäne müssen, parallel aber deutlich höhere Anforderungen an die Sicherheit der Pflege und der Betreuung erfüllt werden müssen", sagt Bernd Meurer, Präsident des  bpa. Meurer: "Bei dieser angespannten Personalsituation brauchen wir eine Priorisierung auch bei den Besuchern. Die Heime müssen Besuche, Hygiene- und Infektionsschutz sowie die tägliche Pflege gleichermaßen gewährleisten können." "Menschlicher Kontakt ist wichtig", so der bpa-Präsident. Bei der Organisation von Besuchen in Pflegeheimen müsse aber immer die Sicherheit der Bewohner und die Belastungsgrenzen der Pflegenden in den Mittelpunkt gestellt werden.

Laut Meurer seien folgende Festlegungen nötig:

•    Die Beschränkung von Besuchen in Pflegeheimen auf eine Person je Bewohner pro Tag
•    Eine von der Einrichtung festzulegende und auf die jeweilige Situation angepasste tägliche Höchstzahl an Besuchen
•    Eine vorherige Terminabsprache für Besuche

"Wir müssen die Pflegenden in den Heimen vor wachsender Überforderung schützen, um eine sichere Versorgung der Bewohner zu wahren", so der bpa-Präsident.

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