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Interview mit Einrichtungsleiter Sven Kastell über Schutzmaterial in Zeiten von Corona

"Die Preise sind aktuell ins Utopische geschossen"

30.03.2020
Einrichtungsleiter Sven Kastell. Foto: Wohnpark Zippendorf

Einrichtungsleiter Sven Kastell. Foto: Wohnpark Zippendorf

Sven Kastell ist Einrichtungsleiter im Pflegeheim Wohnpark Zippendorf in Schwerin. Im Gespräch mit Altenheim berichtet er, wie er die Corona-Krise erlebt.

In den stationären Pflegeeinrichtungen werden die Schutzmaterialien knapp. Wie sieht es mit der Versorgung in Ihrer Einrichtung aus?
Bisher leben wir von unseren Vorräten und kleinen Lieferungen. Es ist alles, bis auf FFP2 und FFP3-Masken vorhanden. Diese benötigen wir auch noch nicht, da wir keinen positiv getesteten Bewohner betreuen.
Wie erleben Sie gerade die Beschaffung von Schutzmasken oder Desinfektionsmitteln? Ist es teurer geworden bzw. gibt es auch unseriöse Angebote?
Die Preise sind aktuell ins Utopische geschossen. So kostet zum Beispiel der Liter selbst von der Apotheke hergestelltes Desinfektionsmittel aus Ethanol 30 Euro. Der bisherige Preis über übliche Beschaffungswege (Igefa, Lysoformin, AHD 2000) lag bei zirka 6 Euro. Die Preise für einfachste Schutzmasken haben sich versechsfacht. Fast täglich erhalten wir Angebote für irgendwelche Masken. Diese sind in der Regel nicht zertifiziert, es wird Vorkasse auf Auslandskonten verlangt und telefonisch sind die Anbieter nicht zu erreichen. Daher reagieren wir nur auf Angebote von uns bekannten Lieferanten. Aber auch diese haben mittlerweile unzertifizierte Masken in ihr Sortiment aufgenommen. Unklar sind bei allen die Lieferfristen. Es werden dazu keine verbindlichen Aussagen gemacht, sodass es generell unsicher ist, ob wir beliefert werden. Unterstützung soll es jetzt vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) geben, dieser hat 2 Millionen Masken gekauft und will die Verteilung an seine Mitglieder vornehmen.
Wegen des Mangels werden Masken produziert, die nicht zertifiziert sind, aber zumindest vor Tröpfchen schützen sollen oder davor, sich ins Gesicht zu fassen. Was halten Sie davon, diese Masken in der professionellen Pflege einzusetzen?
Hätten Sie mich das im Februar gefragt, hätte ich die Anwendung abgelehnt. Mittlerweile ist es so, dass ich sagen muss, selbst einfache Masken schützen vor der Verteilung von Tröpfchen und sind damit besser als nichts. Vorausgesetzt natürlich, sie werden korrekt angewendet. Da das RKI am 23. März 2020 seine Empfehlungen für Pflegeheime aktualisiert hat, steigt natürlich der Verbrauch jetzt sehr stark an. Um den richtigen Umgang sicherzustellen, haben meine Pflegedienstleitungen, neben anderen Maßnahmen, ein Video für die Kollegen und Kolleginnen gedreht. Das finden Sie auf unserem  Youtube-Kanal .
Fühlen Sie sich von den verantwortlichen Stellen ausreichend darüber informiert, ob und wann Ihre Einrichtung mit neuem Schutzmaterial beliefert wird bzw. wie viel Schutzmaterial Sie dann bekommen?
Hier gibt es aktuell keine Informationen. Am 26. März haben wir bei den Kranken- und Pflegekassen offiziell angezeigt, dass wir (bei gleicher Versorgungslage) ab voraussichtlich Mai 2020 unsere Bewohner nicht mehr RKI-konform versorgen können. Nachrichtlich erhielt diese Mitteilung auch unsere zuständige Heimaufsicht, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten. Am 27. März erreichte uns über die Heimaufsicht eine Bedarfsabfrage für Schutzausrüstung, die an alle Einrichtungen in der Landeshauptstadt ging. Zuständig ist wohl in Schwerin der Katastrophenschutz. Er soll gemeinsam mit der Feuerwehr die Beschaffung organisieren. Wir sind gespannt. Als großes Manko empfinde ich die Informationsflut. Uns erreichen viele Informationen, wie Allgemeinverfügungen, Vorschriften, Ankündigungen, Konkretisierungen, Hinweise, Anfragen usw. doppelt, dreifach oder noch häufiger. Manchmal mit zeitlichem Abstand von ein paar Tagen, oder auch fast gleichzeitig. Fast immer mit anderen Überschriften oder Betreffs. Diese kommen von unserem Berufsverband bpa, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern (LAGuS), den verschiedenen Ministerien und der Heimaufsicht. Für sich genommen ist jede Info sicherlich gut, allerdings ist es sehr schwer, hier den Überblick zu behalten. Jede Nachricht will gelesen, gefiltert und bewertet sein. Es besteht immer die Gefahr, etwas Wichtiges zu übersehen. Das kostet jedoch sehr viel Energie und Kraft. Ich hätte mir gewünscht, dass die Kommunikation mit uns Leistungserbringern koordiniert organisiert worden wäre. Eine Zuständigkeit, die zentral das Verteilen der Informationen übernimmt, wäre ein Traum.
In Mecklenburg-Vorpommern herrscht ein Besuchsverbot in Pflegeheimen. Wie reagieren Bewohner und Angehörige darauf?
Überwiegend mit Verständnis. Wobei zwischen Bewohnern und Angehörigen unterschieden werden muss. Viele meiner Bewohner verstehen die Situation nicht und unterschätzen die Gefahren des Kontaktes mit Außenstehenden oder ihren Angehörigen. Wir ermöglichen einen starken Telefonkontakt der Familien, haben Tablets zum Skypen angeschafft und in unseren Häusern Ressourcen frei gegeben, die jetzt den Bewohnern für Gespräche, Spaziergänge und Zuwendung zugutekommen. In der Zeit des Besuchsverbotes führen wir keine Teamberatungen, Fortbildungen und Ähnliches durch. Dadurch wird Zeit frei. Da auch die berufsbildenden Schulen geschlossen haben, sind alle unsere Auszubildenden vor Ort. Auch diese unterstützen in der psychosozialen Betreuung sehr gut. Die meisten Angehörigen sind vernünftig und halten sich an die Verbote. Einige wenige treffen sich außerhalb der Einrichtung mit ihren Lieben. Unsere Angehörigen haben, gerade in dieser Situation, einen hohen Informationsbedarf. Sie machen sich Sorgen, wie es ihren Lieben geht. Hier informieren wir auf verschiedensten Wegen und nutzen unter anderem auch die sozialen Medien.
Wie sensibilisieren Sie orientierte Bewohner für die Situation, die rausgehen und sich vielleicht auch mit einer Person treffen?
Wir beraten die Bewohner und Angehörigen, warnen vor den Gefahren, erklären eindringlich, was passieren kann, wenn sich der Virus in unseren Häusern ausbreitet. Wir berichten auch von den schlimmen Beispielen in Spanien, Frankreich und Würzburg. Seit dem 26. März sind auch drei Pflegeheime im Mecklenburg-Vorpommern betroffen. Ich habe den Eindruck, dass das Verbot jetzt etwas ernster genommen wird, auch von den Mitarbeitern. Gefühlt rückt die Gefahr näher und ist weniger abstrakt.
Wie gehen Sie momentan mit demenziell erkrankten Bewohnern um, die die Situation nicht verstehen oder eventuell sogar Hinlauftendenzen haben?
Erstaunlicherweise scheinen unsere demenziell erkrankten Bewohner am wenigsten Probleme mit dem Besuchsverbot zu haben. Wir haben einen behüteten Wohnbereich, der besonders geschützt ist. Der großzügige Außenbereich mit Terrassen ist eingezäunt. Er wird sehr gut genutzt, die Bewohner und Bewohnerinnen genießen die Frühlingssonne nach dem langen Winter. Da wir auf diesem Wohnbereich schon immer einen höheren Pflege- und Betreuungsschlüssel einsetzen, können wir die fehlenden Besuche noch recht gut kompensieren. Unsere Ergotherapeuten und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der sozialen Betreuung haben viele gute Ideen, damit der Tag nicht zu lang wird, auch wenn jetzt viele Angebote, vor allem von extern, wegfallen.

Das Interview führte Olga Sophie Ennulat.

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