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Ein Problem, das alle im Haus angeht

01.10.2007

Die Behandlung bei einer MRSA-Infektion stellt die hessische Seniorenresidenz Seniana in den Fokus. Bei Einhaltung eines eigens entwickelten Standards ist nach 14 bis 16 Tagen keine Isolation mehrerforderlich. Von Stefan Arend, Hans-Karl Diederich, Ilona Lau, Robert Schwab. Eine MRSA-Sanierung in Senioreneinrichtungen ist möglich, wenn die Thematik und die Auseinandersetzung mit MRSA als Managementaufgabe der Heim- bzw. Pflegedienstleitung erkannt werden, und Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige an diesem Prozess von Anfang an beteiligt sind und kontinuierlich informiert werden. Zudem führt die standardisierte Vorgehensweise zu einer deutlichen Verbesserung der Ergebnisqualität und hilft, Kosten (nachhaltig) zu senken. Viele Senioreneinrichtungen haben Schwierigkeiten mit MRSA. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Während der vergangenen Jahre hat die Zahl derjenigen Bewohner, die von MRSA befallen sind, zum Teil dramatisch zugenommen. So hat eine Arbeitsgruppe der European Academies Science Advisory Council (EASAC) in einer Veröffentlichung vom 1. August 2007 vor dem "weltweiten Problem" resistenter Bakterienstämme eindringlich gewarnt. Auch von daher ist es unerlässlich, eine (umfassende) Strategie zu entwickeln, wie in einer Pflegeeinrichtung mit dem Problem MRSA umzugehen ist. Aus den Erfahrungen zeigt sich, dass es geradezu fahrlässig erscheint, das Thema MRSA lediglich in Richtung Hygienefachkraft zu delegieren. MRSA betrifft eine Einrichtung in Gänze. Es ist keine Seltenheit, dass Seniorenheime Neuzugänge ablehnen, die mit MRSA kolonisiert sind. Wesentliche Gründe dafür sind die Angst der Mitarbeiter vor eigener Kolonisation sowie Unsicherheiten bei der Betreuung besiedelter beziehungsweise infizierter Bewohner. Zu solchen Entscheidungen muss es nicht kommen: In unserer Pflegeeinrichtung Seniana im hessischen Hünfeld hat seit 2003 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe einen Standard zur Behandlung von Bewohnern entwickelt, die eine Kolonisation beziehungsweise Infektion mit MRSA aufweisen. Bisher wurde dieser Standard mit dezidierten Handlungsanweisungen knapp 40-mal durchweg erfolgreich angewendet. Seine Kurzform lautet GawaBet, weil das strikte und nachhaltige Hygienekonzept auf Ganzwaschungen und Betten setzt. Leider ist es kein Einzelfall, dass Bewohner nach invasiven Eingriffen im Krankenhaus mit MRSA zurückverlegt werden und andere Senioren mit geschwächtem Immunsystem entweder durch den Mitbewohner selbst oder über das Pflegepersonal infiziert werden. In solchen Fällen hat man zuvor keine Abstriche genommen, weshalb MRSA nicht erkannt werden kann. So wird durch mangelndes Interesse oder Zeitnot eine Art "MRSA-Tourismus" gefördert. Eine der größten Schwierigkeiten speziell in der stationären Altenhilfe ist, dass in zahlreichen Einrichtungen kein Handlungskonzept vorhanden ist und hygienische Maßnahmen nicht immer ganz exakt eingehalten werden. Dies betrifft beispielsweise das Tragen von Schutzkleidung. Dabei spielen zum Teil auch ökonomische Aspekte eine Rolle: Viele Einrichtungen möchten sich die Kosten für die Anschaffung von speziellen Materialien wie Schutzkittel, Handschuhe, Mund- und Nasenschutz sparen; außerdem scheuen sie den erhöhten Personalbedarf. So muss festgestellt werden, dass leider einige Hausärzte beim Thema MRSA umfassende Therapien nicht für nötig erachten oder bei Hausbesuchen keine Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Seniana zog daraus die Konsequenzen: Der GawaBet-Standard hat unter anderem das Ziel aufzuzeigen, was MRSA überhaupt ist, welche Sanierungsmaßnahmen möglich sind und welche Kosten anstehen. Ebenso werden Entscheidungshilfen dafür gegeben, Bewohner mit einer MRSA-Problematik in Altenpflegeeinrichtungen aufzunehmen. Zudem geht man den Fragen nach, ob und wann ein kolonisierter oder infizierter Bewohner isoliert werden muss und wann welche Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen sind. Der Standard von Seniana setzt auf ein lückenloses Hygienemanagement. Es berücksichtigt alle als relevant erkannten Aspekte und wird bei Mitarbeitern, Bewohnern sowie deren Angehörigen intensiv kommuniziert. Ganz konkret bedeutet GawaBet: Mit MRSA besiedelte Bewohner, die unter einer Infektion im Nasen-/Rachenraum leiden, werden während der notwendigen Sanierung täglich am ganzen Körper gewaschen. Die mit Schutzkleidung ausgestatteten Pflegekräfte sorgen auch dafür, dass die Kleidung des Betreffenden täglich gewechselt und in einem speziell vorbereiteten Plastiksack zur Wäscherei gegeben wird, wo man die Textilien mit desinfizierendem Waschmittel reinigt. Dasselbe geschieht mit der Bettwäsche, die ebenfalls einmal pro Tag und jederzeit bei Bedarf erneuert wird. Auch die Schutzkittel des Personals werden separat und desinfizierend gesäubert. Diese Hygienemaßnahmen erfordern einen höheren Pflegeaufwand, der sich aber lohnt. Die Isolierung der nasal infizierten Bewohner kann in der Regel nach 14 bis 16 Tagen aufgehoben werden, während sich die Schwierigkeiten sonst meist Monate hinziehen. So erhöht sich die Lebensqualität der Bewohner mit MRSA-Problematik, weil sie viel schneller wieder soziale Kontakte pflegen können. Außerdem entspannt sich in relativ kurzer Zeit die Situation mit Blick auf die gesamte Einrichtung, auch was Kosten durch Mehraufwendungen betrifft. Im Gegenteil: Auf längere Sicht erfolgt eine Kosteneinsparung gegenüber dem Aufwand, den man ohne Sanierung hätte. Man denke nur an die Schutzkleidungen und andere notwendige Hilfsmittel. Als wichtig wird ein Dokumentationsbogen für kolonisierte Bewohner angesehen, der einen Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen gewährleistet. Inhalte dieses Bogens sollten sein: die persönlichen Daten des Betroffenen, durchgeführte Abstriche und deren Ergebnisse, bereits eingeleitete Sanierungsmaßnahmen und (wenn vorhanden) das Ergebnis einer Typisierung. Außerdem sollte es ein Nachweisprotokoll über die bereits in der Senioreneinrichtung durchgeführten Kontrollabstriche geben. Dieses wird nach der Sanierung in die Pflegedokumentation des Bewohners geheftet. Das gilt auch für ein Protokoll, in dem nachzulesen ist, über welchen Zeitraum und mit welchem Mittel die Sanierung durchgeführt wurde. Bei Neuaufnahmen hat es für Seniorenheime erhebliche Bedeutung, den Ist-Status des künftigen Bewohners bezüglich MRSA zu kennen. Hierfür ist es sinnvoll, ein Formblatt zu erstellen, das vor der Aufnahme ein Screening durch den Hausarzt vorsieht. Bei positivem Nachweis soll dies nicht zur Folge haben, dass der Interessent keinen Platz in der Einrichtung bekommt, sondern nur die Notwendigkeit einer Sanierung anzeigen. Das Erarbeiten und Implementieren des GawaBet-Standards stellte für eine normale vollstationäre Einrichtung wie das Seniana eine große Herausforderung dar. Dieser Prozess wurde zunächst als eigenständige Maßnahme bzw. Managementaufgabe von der Geschäftsleitung und Heimleitung klassifiziert und nach Vorlage eines Projektplanes inklusive grober Kostenschätzung genehmigt. Die Hygienekommission der Einrichtung (bestehend aus Heimleitung, Pflegedienstleitung, Hygienebeauftragte/-r, Technische Leitung, Hauswirtschaftliche Leitung und bei Rückfragen der Betriebsarzt) berief eine Projekt- und Arbeitsgruppe (PAG), die mit der Entwicklung des Standards beauftragt wurde. Mitglieder dieser Gruppe waren Beschäftigte aus verschiedenen Sektionen und Wohnbereichen der Einrichtung. Als rechtliche Grundlagen wurden u. a. der § 23 Infektionsschutzgesetz, aus dem die Aufzeichnungspflicht von MRSA hervorgeht, oder der Schutz vor Infektionen im Heimgesetz (§ 11 Abs. 1) ermittelt. Die Projekt- und Arbeitsgruppe (PAG) traf sich einmal pro Woche und erstellte den allgemeinen Standard, in den alle wichtigen und erprobten Verfahrensweisen integriert wurden. Nachdem in diesem ersten Entwurf auch die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes und die Erkenntnisse aus weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen eingearbeitet waren, wurde der Standard auch von der Geschäfts- und Heimleitung genehmigt. Anschließend gab es vier Termine mit jeweils maximal 20 Beschäftigten, um GawaBet vorzustellen und zu implementieren. Weitere Aufgaben waren die Erprobung und Überprüfung des Standards in der Praxis (Werden alle Hygiene-Maßnahmen korrekt durchgeführt? Welche Defizite sind noch vorhanden? Welche Ergebnisse können wir feststellen? Gibt es Verbesserungspotenzial?). Zunächst hatte es Sorgen bei den Beschäftigten gegeben, aufgrund der geringen Erfahrungen und der Komplexität, den Standard nicht optimal umsetzen zu können. Nach den letzten Schulungen zeichnete sich freilich eine große Zufriedenheit ab, die das Selbstbewusstsein und das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter sowie die Eigenverantwortung beim Pflegen positiv beeinflusste. Durch das Einbeziehen der Beschäftigten seit Beginn der Überlegungen ist das Interesse am Umsetzen des Standards hoch. Auch für interessierte Bewohner und Angehörige gab es eine MRSA-Informationsveranstaltung mit großer Nachfrage. Berührungsängste von Familienmitgliedern während der Zeit, in der ihr Angehöriger kolonisiert oder infiziert war, konnten gemildert werden. ¬ Im Internet finden Sie eine Literaturliste unter folgenden Adresse: www.vincentz.net/altenheim/index.cfm Der Standard wird auf der AltenpflegeProPflege, 12. bis 14. Februar in Hannover, vorgestellt. Die Autoren: Dr. Stefan Arend, Geschäftsführer Mediana-Gruppe; Hans-Karl Diederich, Leiter der Seniorenresidenz Seniana; Ilona Lau, Pflegedienstleiterin Seniana; Robert Schwab, Leiter des Seniana-Fachpflegeheimes für Schädel-Hirn-Verletzte.

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